Die grüne Geste und der Wink

Ein Essay zur Technik, zum Bestand und zum Möglichen

Vorabveröffentlichung für eine Monographie in Arbeit.


Die Gegenwart liebt ihre Güte im Modus der Ware. Elektroautos, grün gelabelte Fonds, Bio-Brot neben Biosprit – es ist, als ließe sich die Sorge um die Welt an der Kasse abrechnen, quittiert durch ein Siegel, das Verantwortung verspricht. Was als wichtig gilt, entscheidet sich im Takt der Kampagnen: wichtig ist, was als „nachhaltig“ ins Regal gestellt und bilanziert werden kann. Die Frage, ob wir diese Energie, diese Logistik, diese ständige Beschleunigung überhaupt brauchen, stellt sich nur noch am Rand – dort, wo sie keine Kennzahl mehr ist.

Das ist der Ausgangspunkt eines Forengesprächs, aus dem dieser Essay wächst. Jemand schreibt, dass die Bilanzen „super laufen, gleichgültig gegenüber allem, das vielleicht auch oder sogar wichtiger wäre“. Der Satz sitzt. Er verweist auf das eigentliche Problem: nicht das Elektroauto als solches, nicht das Bio-Siegel, sondern die stille Überzeugung, dass das Wichtige identisch ist mit dem Nützlichen – und das Nützliche mit dem Verkäuflichen.


I. Techné und Technik: was wir verloren haben

Heidegger beginnt seine Frage nach der Technik mit einer scheinbar einfachen Unterscheidung. Das griechische Wort techné meint nicht, was wir heute unter Technik verstehen. Es bezeichnet ein Her-vor-bringen, ein poiesis: ein Entbergen, das dem Hervorgebrachten gestattet, aus der Verborgenheit ins Erscheinen zu kommen. Die antike techné – ob Handwerk, Kunst oder Wissen – war Nachahmung der Natur im Sinne des Aufgehenlassens, nicht ihrer Beherrschung. Der Demiurg bei Platon ordnet das Chaos nicht durch Gewalt, sondern durch Orientierung an einer höheren Ordnung, an der er das Wirkliche ausrichtet.

Die moderne Technik operiert anders. Sie entbirgt nicht, indem sie erscheinen lässt – sie fordert heraus. Sie stellt der Natur das Ansinnen, Energie zu liefern, Ressourcen bereitzustellen, Bestand zu sichern. Heidegger nennt das Wesen dieser Technik das Ge-Stell: jene Weise des Entbergens, in der das Seiende nur noch als Bestand aufscheint, als abrufbare Ressource, die ins Verfügungsraster eingeordnet ist. Das Ge-Stell ist, wichtig zu betonen, keine Maschine und kein Apparat. Es ist eine Grundweise des Erscheinens von Wirklichkeit – das stille Apriori, nach dem Welt heute überhaupt in den Blick kommt.

Dies ist der entscheidende Schritt: „Das Gefährliche ist nicht die Technik. Es gibt keine Dämonie der Technik, wohl dagegen das Geheimnis ihres Wesens.“ Die Gefahr liegt nicht in den Maschinen, sondern darin, dass der Mensch keinen anderen Zugang mehr zur Wirklichkeit findet. Alles, was ist – Natur, Mensch, Zeit, Beziehung, Sehnsucht – droht, in die Ordnung des Bestands hineingezogen zu werden.


II. Das grüne Ge-Stell

Was heißt das für die grüne Geste? Sie ist, aus dieser Perspektive betrachtet, keine Alternative zum Ge-Stell, sondern seine verfeinerte Fortsetzung. Das Elektroauto ordnet Mobilität neu in den Bestand ein: Energie als CO₂-Bilanz, Reichweite als Kennzahl, Gewissen als Marktvorteil. Das Bio-Siegel operiert im gleichen Register: Ernährung wird zur Investition in moralischen Mehrwert, der – wie Kathrin Hartmann zeigt – umso leuchtender wirbt, je problematischer das Produkt dahinter ist. ESG-Ratings überführen soziale Verantwortung in Indexwerte; Klimaneutralitätsziele werden in CO₂-Konten gebucht.

Heidegger würde sagen: Problemlösungen erfolgen in derselben Denkweise, die die Probleme erzeugt hat. Die Welt bleibt Ressource, nur mit anderem Etikett. Moralischer Mehrwert wird selbst zur Ware. Dieser Befund schließt keine Einzelperson ein – er beschreibt eine epochale Seinsweise, die wir alle bewohnen, ob wir es wollen oder nicht.


III. Blumenberg: Prometheus im Supermarkt

Hans Blumenberg sieht dieselbe Epoche unter einem anderen Vorzeichen, und das ist wichtig. Die Neuzeit ist für ihn nicht bloße Verfallsgeschichte, sondern eine legitime Selbstbehauptung des Menschen in einer Welt, die ihre alten Sicherheiten verloren hat. Blumenberg beobachtet in der Geschichte des Technikverständnisses einen „Ordnungsschwund“: Wo die antike techné noch die Natur nachahmte und sich an ihr orientierte, entsteht in der Neuzeit ein Vakuum – die kosmische Ordnung, die als Maßstab diente, zerbricht unter dem theologischen Absolutismus des späten Mittelalters.

Aus diesem Ordnungsschwund heraus behauptet sich der Mensch selbst. Er wird zum Demiurgen seiner eigenen Welt: Er schafft Strukturen, Wissenschaften, Technologien, nicht aus Hybris, sondern aus existentieller Not. Blumenberg nennt Prometheus als emblematische Figur: Im Übergang von der Antike zur Neuzeit wandelt sich Prometheus vom kulturellen Erzieher der Menschheit zum Symbol rebellischer Vernunft und individueller Selbstbestimmung. Der Mensch trägt Feuer, das er selbst entzündet hat, weil kein Gott es ihm mehr zuverlässig schickt.

In diesem Licht gelesen, ist das grüne Siegel kein bloßes Versagen, sondern Ausdruck einer echten Sehnsucht: das eigene Handeln nicht nur wirksam, sondern auch entschuldbar zu wissen. Blumenberg würde sagen: Nachhaltigkeitszertifikate sind moderne Ersatzmythen – säkulare Ablassbriefe, die in einer entzauberten Welt Sinn und Absolution spenden, wo früher Beichte und Buße standen. Dieser Vergleich ist nicht zynisch gemeint; er verweist auf ein echtes anthropologisches Bedürfnis: das Bedürfnis nach Entlastung, nach einer bewohnbaren Welt, die sich rechtfertigen lässt.

Blumenberg betonte aber auch, dass unsentimentaler Fortschrittsoptimismus für ihn nicht reichte. Neben der Selbstbehauptung braucht der Mensch Metaphern und Mythen – Bilder für das, was sich in Begriffen nicht fassen lässt, das Unbegreifliche in seiner Unbegreiflichkeit vergegenwärtigend, ohne seinen Schrecken vollständig zu bannen. Die grüne Geste ist, in diesem Sinn, ein unbeholfener Mythos: Sie trägt etwas Wirkliches in sich, auch wenn ihre Oberfläche lügt.


IV. Wo Gefahr ist, wächst das Rettende

Hier beginnt der eigentümlichste Zug in Heideggers Denken. Er ist kein Kulturpessimist und kein Technikfeind. Die Kehre, die er erhofft, vollzieht sich nicht als Flucht aus der Technik, sondern als Durchgang durch sie. Heidegger zitiert Hölderlin:

„Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“

Das Rettende wächst nicht neben der Gefahr, sondern in ihr, als ihr verborgenes Samenkorn.

Was birgt das Ge-Stell als Rettung in sich? Einen Blick: die Möglichkeit, im Angesicht der totalen Bestandsordnung jene Erfahrung zu machen, in der das Seiende aufscheint als mehr als Bestand. „Hier und jetzt und im Geringen“ – nicht im großen Programm, nicht im nächsten ESG-Bericht, nicht in der Roadmap zur Klimaneutralität, sondern im Geringen: im Moment, in dem die Welt sich zeigt, ohne gestellt zu sein.

Das ist der Ort der Figur des letzten Gottes in Heideggers Beiträgen zur Philosophie. Dieser Gott ist kein neuer Heilsbringer, kein religiöser Ersatz, kein metaphysischer Garant. Er ist eine Denkfigur des Übergangs: Er zieht vorbei, gibt einen Wink, und in diesem Wink zeigt sich das Gesetz der großen Vereinzelung, der Einsamkeit des Opfers, der Wahl der kürzesten und steilsten Bahn. Das Seyn west als das Zwischen für den Gott und den Menschen, so Heidegger in den Beiträgen – ein Zwischenraum, der seiner Ufer bedarf, die er selbst erst erschafft.

Dieser Wink ist kein Inhalt, kein Programm, kein Konsum-Zertifikat. Er ist eine Erfahrungsweise, in der das Dasein spürbar wird als das, was keine Rechnung kennt. Dort, wo sich etwas zeigt, das nicht bestellt wurde – wo Glaube, Liebe, Hoffnung, Schönheit selbst im größten Elend nicht aufhören aufzutauchen – dort ist der Wink bereits da, als verborgenes Rettende im Herzen der Gefahr.


V. Resonanz: das Hören und das Antworten

Hartmut Rosa, in seiner Theorie der Resonanz, übersetzt diesen Grundgedanken in eine Soziologie des guten Lebens. Resonanz bezeichnet eine Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und transformieren – nicht Kontrolle, nicht Verfügung, sondern Antwortbeziehung. „Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“ Und: „Eine bessere Welt ist möglich, und sie lässt sich daran erkennen, dass ihr zentraler Maßstab nicht mehr das Beherrschen und Verfügen ist, sondern das Hören und das Antworten.“

Resonanz ist kein Plädoyer für Verlangsamung um ihrer selbst willen. Sie ist eine andere Qualität des Weltbezugs – ein Zulassen, dass die Welt uns angeht, bevor wir sie einordnen, berechnen, etikettieren. In Heideggers Sprache wäre dies eine Annäherung an die Gelassenheit, jene Haltung des In-sich-hineinhorchens, die dem Ge-Stell nicht durch Gegenprogramme begegnet, sondern durch eine Unterbrechung seiner Selbstverständlichkeit.


VI. Zwischen Prometheus und Wink

Zwischen Heideggers Diagnose des Ge-Stells und Blumenbergs Legitimation der Neuzeit spannt sich der Raum auf, in dem die grüne Geste flackert. Einerseits ist sie überwiegend Fortsetzung bestehender Muster: dieselben Lieferketten, dieselbe Wachstumsdoktrin, dieselbe Herausforderungslogik – nur im grünen Farbprofil. Andererseits trägt sie einen echten Wunsch: nicht nur wirksam, sondern entschuldbar zu handeln; Prometheus im Supermarkt, der das Feuer trägt, aber ahnt, dass es nicht das letzte Feuer sein kann.

Vielleicht ist das die wichtigste Figur dieses Essays: die Differenz zwischen dem ersten Anfang und dem anderen Anfang. Der erste Anfang der griechischen techné brachte hervor und ließ erscheinen. Der Verlauf der abendländischen Metaphysik hat dieses Entbergen in die Herrschaft des Bestands überführt. Der andere Anfang – von dem Heidegger in den Beiträgen spricht – ist kein Rückfall vor die Moderne, kein kulturkritischer Gestus, keine Ablehnung von Technik. Er ist eine Zäsur im Denken: der Moment, in dem die Selbstverständlichkeit des rechnenden Verfügens auf das gestoßen wird, was sich ihm entzieht.

Die grüne Geste könnte ein Symptom dieses Moments sein. Nicht in ihrer Oberfläche – nicht im Siegel, nicht im Zertifikat, nicht im ESG-Score –, sondern in dem Unbehagen, das sie trägt. Unsere Epoche ahnt, dass ihr Ge-Stell nicht das letzte Wort ist. Dieses Ahnen ist bereits Teil des Winkes.


VII. Das Dasein kennt keine Rechnung

Wo endet das? Nicht in einer Antwort.

Heidegger war kein Systemdenker, der Lösungen lieferte – er war ein Denker, der die Fragen offenhielt. Blumenberg vertraute darauf, dass Menschen sich ihre Weltbilder immer neu erzählen, umerzählen, weitererzählen müssen – damit aus den Bildern keine erstarrten Dogmen werden. Rosa hofft auf eine Welt, in der das Hören und das Antworten wieder ins Zentrum treten.

Das Forumsgesgespräch, von dem dieser Essay ausgeht, endet mit einer kleinen, aber bedeutsamen Wendung: Der Schreibende spricht von Glaube, Liebe, Hoffnung und Schönheit, die sich im größten Elend noch zeigen können. Diese Erfahrung – dass das Wesentliche unverfügbar auftaucht, ohne bestellt worden zu sein – ist kein romantischer Rückzug. Sie ist eine Seinsweise, die sich dem Ge-Stell entzieht, nicht durch Verweigerung, sondern durch ihre schlichte Andersartigkeit.

Das Dasein kennt keine Rechnung. Dieser Satz stammt nicht aus den Beiträgen zur Philosophie, nicht aus der Legitimität der Neuzeit. Er stammt aus einem Forenpost, nachts geschrieben. Aber er berührt denselben Ort, den Heidegger meinte, als er schrieb, das Rettende wachse im Geringen. Nicht im großen Paradigmenwechsel, nicht in der nächsten Klimakonferenz, nicht im richtigen Konsum – sondern hier und jetzt und im Geringen: in dem Moment, in dem jemand sagt, dass sich das Dasein nicht bilanzieren lässt, und damit – vielleicht ohne es zu wissen – auf einen Wink zeigt.


Quellen

  • Martin Heidegger: Die Frage nach der Technik / Die Technik und die Kehre (1962)
  • Martin Heidegger: Vorträge und Aufsätze (GA 7)
  • Martin Heidegger: Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis) (GA 65), insb. §255ff. (Der letzte Gott)
  • Hans Blumenberg: Die Legitimität der Neuzeit (1966)
  • Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos (1979)
  • Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (2016)
  • Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit (2018)
  • Kathrin Hartmann: Grün ist das neue Schwarz (2014)

Schreibe einen Kommentar