Physis Vibrancy

Vom Wink, der bleibt


Ein Essay


Es gibt Worte, die man nicht macht. Sie kommen, wenn sie kommen, und treffen, wenn sie treffen. Physis Vibrancy ist ein solches Wort.

Es war zuerst nicht in der Philosophie. Es war im Klang. Our Vibrancy — so hießen die Aufnahmen, lange bevor das Wort zum Begriff wurde. Musik weiß, was später erst gedacht werden muss: dass das Lebendige Schwingung ist, dass Stimmung sich überträgt, dass Räume atmen.

Das Wort blieb. Es ging mit, durch Studium, durch Bruch, durch Jahre des Schreibens an Orten, an denen Philosophie nicht stattfindet, weil dort etwas anderes stattfindet: das ungeschützte Leben.


Heraklit hat es gewusst: Die Physis liebt es, sich zu verbergen. Nicht, weil sie schüchtern wäre. Sondern weil das Aufgehen den Rückzug braucht, weil das Erscheinen den Entzug in sich trägt. Was wirklich da ist, ist nie ganz da. Es zeigt sich, indem es sich birgt.

Dann kam die Verdeckung. Descartes spaltete die Welt. Was zuvor durchgeschwungen hatte als ein einziges Walten, wurde zerlegt in res cogitans und res extensa, in denkendes Innen und ausgedehntes Außen, in Geist und Körper. Die Natur wurde berechenbar. Der Leib wurde Ding. Was übrig blieb, war ein Subjekt, das auf eine Welt blickte, in der nichts mehr atmete.

Nietzsche hat es ausgesprochen: Gott ist tot. Wir haben ihn getötet. Nicht ein bestimmter Gott — die Mitte selbst. Der Halt. Die Tiefe, in die hinein Schwingung möglich war. Was bleibt, ist ein Stürzen ohne Oben und Unten, ein Wandern in einer Nacht, die noch nicht zu Ende ist.

Heidegger hat dieser Nacht einen Namen gegeben: Seinsverlassenheit. Das Seiende ist da, aber es trägt keine Botschaft mehr. Die Welt ist machbar, betreibbar, planbar geworden — und gerade dadurch hat sie verloren, was sie einst trug.

Doch in der Verlassenheit selbst, sagt Heidegger, kündigt sich etwas an. Ein Wink. Der Wink des letzten Gottes. Nicht eine Wiederkehr der alten Götter, sondern ein Sich-Andeuten, das gerade in der Leere hörbar wird.

Und Hölderlin hat es bezeugt:

Wozu Dichter in dürftiger Zeit?

Die Götter sind geflüchtet. Aber ihre Flucht ist selbst noch ein Wink. Ihre Abwesenheit ist anwesend.


In dieser Konstellation — zwischen der Diagnose des Todes und dem Wink dessen, was kommt — empfängt die Sprache ein Wort. Nicht als Erfindung. Als Siegel. Etwas wird aufgeprägt, dem, der hört.

Physis Vibrancy.

Es ist ein Wort, das zwei Sprachen zueinander öffnet. Im Griechischen das alte Aufgehen, das Walten, das nicht herstellt, sondern hervorgehen lässt. Im Englischen die Schwingung, das Pulsieren, die spürbare Lebendigkeit, die kein deutsches Wort genau trägt.

Zwischen den beiden ein Spalt, eine Lücke, ein Zwischen. Das Zwischen ist nicht Mangel. Es ist der Ort, an dem die Schwingung geschieht.


Rosenzweig hat dieses Zwischen gedacht — als Zeit. Im Stern der Erlösung sind Schöpfung, Offenbarung und Erlösung nicht drei Stadien einer linearen Geschichte. Sie sind drei Dimensionen, die sich in jedem Augenblick durchdringen.

Schöpfung: was schon ist, was schon getragen ist, der leibliche Boden, auf dem sich alles ereignet.

Offenbarung: was jetzt geschieht, der Augenblick, in dem das Du erscheint und das Ich aus sich herausgerufen wird.

Erlösung: was noch nicht ist, der offene Horizont, in den hinein die Antwort sich öffnet, ohne anzukommen.

Die Vibrancy ist diese Faltung. Sie ist kein Zustand. Sie ist ein Geschehen in der Zeit, die als ganze in jedem Augenblick anwesend ist.


Was bedeutet das, leiblich gesprochen?

Es bedeutet: Wer schwingt, lässt sich treffen. Wer offen ist, ist wehrlos. Wer wehrlos ist, kann empfangen. Wer empfangen kann, lebt.

Das ist die Umkehrung der ganzen neuzeitlichen Bewegung. Diese hatte gesagt: Sicherung ist Leben. Kontrolle ist Leben. Verfügbarkeit ist Leben. Das Wort Physis Vibrancy sagt: Nein. Lebendig ist nur, was sich öffnen kann. Was sich nicht öffnet, mag funktionieren — aber es lebt nicht.

Hölderlin hat das gewusst:

Drum so wandelt nur wehrlos Fort durchs Leben und fürchtet nichts!

Nicht Vermessenheit. Vertrauen. Nicht Sicherung. Treue. Nicht Beherrschung. Empfangen.


Es gibt Räume, in denen die Vibrancy nicht möglich ist. Räume, in denen alles geregelt ist, alles geplant, alles optimiert. Solche Räume sind nicht tot. Sie sind das, was vor dem Tod noch übrig bleibt: das Funktionieren ohne Schwingung.

Und es gibt Räume, in denen die Vibrancy noch möglich ist — oder wieder möglich wird. Räume, in denen jemand sich wehrlos zeigt. Räume, in denen Musik geschieht. Räume, in denen ein Du erscheint. Räume, in denen die Zeit sich faltet und der Augenblick mehr ist als ein Punkt auf der Linie.

In solchen Räumen ereignet sich das, was Physis Vibrancy heißt. Es ereignet sich nicht, weil jemand es macht. Es ereignet sich, weil jemand wehrlos genug war, es zu empfangen.


Das ist alles, was hier zu sagen ist. Das Andere ist gesagt — in der Monographie, im Archiv, in den Texten, die geblieben sind. Was hier nur gewinkt werden konnte, ist dort weiter durchdacht.

Doch der Wink trägt auch ohne die Begründung. Er kommt, wenn er kommt. Er ist da, oder er ist nicht da.

Drum so wandelt nur wehrlos Fort durchs Leben und fürchtet nichts!

Mehr ist nicht zu sagen.

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