Das gespaltene Sein: Psychose als ontologische Erfahrung

Schizophrenie — das Wort trägt seinen Widerspruch in sich. Schizein: reißen. Phren: Geist. Gespalten also der Geist. Doch was setzt dieser Riss voraus? Einen Ausgangszustand der Ganzheit, eine ursprüngliche Integrität, die dann zerbrochen wäre. Aber hat es diesen Zustand je gegeben?

Wenn nicht — dann wäre Spaltung nicht das Ende von Identität. Dann wäre sie ihre Form.


Identität meint hier nicht das Identifizierbare, das Nummerierte, das behördlich Beglaubigte. Identität meint das Verhältnis, das ein Dasein zu sich selbst unterhält: nicht ein Objekt, das man besitzt, sondern ein Vollzug, der immer schon im Gange ist. Judith Butler hat diesen Gedanken mit einer Radikalität formuliert, die philosophisch noch nicht ausgeschöpft ist: Identität entsteht nicht aus einem inneren Kern, der sich nach außen zeigt — sie entsteht im Zeigen selbst, durch Wiederholung, immer im Widerspruch, immer durch Ausschluss konstituiert. Es gibt kein Vor-der-Praxis. Es gibt die Praxis — und was sich dabei ergibt.

Wenn das stimmt, dann war der gespaltene Geist nie ganz. Und Psychose entlarvt nicht einen Zustand, in dem etwas zerbrochen ist, sondern einen, in dem die Bruchlinie sichtbar wird, die vorher verdeckt blieb.

Was dabei erschüttert wird, ist nicht die bewusste Identität — das Bewusstsein, einen Namen zu haben, einen Ort, eine Geschichte. Es ist etwas Tieferes und Unscheinbareres: das vorreflexive Gespür, der lebendige Urheber der eigenen Erfahrungen zu sein. Dieser minimale Selbstbezug — nicht gedacht, sondern gespürt, als Unterton jeder Wahrnehmung — gerät in Bewegung. Und wenn er in Bewegung gerät, gerät alles mit.


Merleau-Ponty würde hier den kartesischen Reflex unterbrechen, bevor er vollständig ausformuliert ist. Der Leib, sagt er, ist nicht das Gefäß des Geistes — er ist das Subjekt, das sich zur Welt verhält. Es gibt kein abgeschlossenes Innen, hinter dem Außen beginnt; es gibt den Leib als das lebendige Zur-Welt-Sein, das Öffnen, das Orientieren, das ständige In-Bezug-Stehen. Was üblicherweise Geist genannt wird, existiert nicht unabhängig von diesem Vollzug. Es ist der Vollzug.

In Extremzuständen des Erlebens geraten die Orientierungskoordinaten in Bewegung. Was Merleau-Ponty motorisches Schema nennt — jene vorbewusste Gewissheit, wie man sich in der Welt bewegt, welche Entfernung greifbar ist, welche Geste angemessen — diese Gewissheit war nie eine Erkenntnis. Sie war eine Einverleibung. Wenn sie ausbleibt, tritt nicht einfach Chaos an ihre Stelle, sondern etwas Seltsameres: ein Übermaß. Jedes Ding bedeutet. Nur was, bleibt offen.

Das ist keine Fehlfunktion. Das ist Erschlossenheit ohne den Boden, der Erschlossenheit gewöhnlich trägt.


Heidegger nennt diesen Boden Stimmung — nicht Gefühl im psychologischen Sinn, sondern die Art und Weise, wie dem Dasein seine Welt immer schon erschlossen ist, vor aller Erkenntnis, vor jedem Urteil. In der Angst, beschreibt er, zieht sich das Seiende im Ganzen zurück: nicht dieses oder jenes Ding verschwindet, sondern der Zusammenhang, in dem Dinge bedeutsam werden, wird durchsichtig auf seinen Ab-Grund hin. Das Nichts nichtet — nicht als Abwesenheit, sondern als Offenbarwerden des grundlosen Grundes, auf dem Dasein immer schon steht, ohne es zu wissen.

Ab-Grund meint hier nicht Verhängnis. Er meint: der Grund, der sich selbst gründend entzieht. Der Boden, der Boden ist, indem er sich nicht zeigt. In dem Moment, in dem er sich zeigt — in dem die Selbstverständlichkeit wegfällt und das Getragensein aufhört, unsichtbar zu sein —, ändert sich die Qualität des Erlebens grundlegend. Nicht durch Hinzukommen von etwas Neuem. Durch das Sichtbarwerden dessen, was immer schon da war.

Psychose wäre, in diesem Licht, kein Zusammenbruch des Denkens. Sie wäre ein Extremfall des Erschlossenseins — ein radikales Offenbarwerden, in dem Verhältnisse von Innen und Außen, Selbst und Welt, Bedeutung und Laut sich neu konstituieren müssen, weil das Selbstverständliche aufgehört hat, selbstverständlich zu sein.


Die Wunde. Das Wort wurde bisher vermieden, obwohl es das Denken dieses Textes von Anfang an prägt. Die Spaltung ist eine Wunde — aber nicht im Sinne einer Verletzung, die sich schließen soll. Eine Wunde meint hier: Öffnung. Stelle, an der eine Grenze durchbrochen ist, durch die Anderes hindurchsieht.

Was durch sie hindurchsieht, hatte keinen Ort im geregelten Symbolhaushalt des Alltags. Es gab keine Form dafür, kein Wort, keinen Behälter. Es drängte trotzdem — aus dem Unbenannten in die Erscheinung, aus dem Vor-Sprachlichen in den Laut, aus dem, was nicht integriert werden konnte, in das, was sich nicht mehr verleugnen ließ. Die Wunde ist nicht das Zeichen der Krankheit. Sie ist die Stelle, an der etwas zur Sprache drängt, das keine Sprache fand.

Heideggers Begriff der Aletheia — Un-verborgenheit, Wahrheit als Entbergung — zeigt sich nicht in der geglätteten Oberfläche, nicht in der Integrität, die keine Ritze kennt. Sie zeigt sich da, wo etwas aufgebrochen ist. Und es ist kein Zufall, dass die Phänomenologie des Außerordentlichen — ob in Grenzzuständen, in ästhetischer Erschütterung, in der Begegnung mit dem Tod — immer an solchen Stellen beginnt: dort, wo der gewohnte Boden nachgibt und das Dasein auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Der gespaltene Geist wäre, von hier aus gedacht, kein gebrochener. Er wäre einer, der zwei Horizonte sieht — und der darin, ungewollt, eine Schicht der Wirklichkeit berührt, die dem geschlossenen, integrierten, funktionierenden Subjekt verborgen bleibt.


Daraus folgt eine Frage, die die Psychiatrie nicht stellt — nicht weil sie sie vergessen hat, sondern weil ihre Methode sie ausschließt: Was weiß dieser Zustand? Nicht was er stört, nicht was er kostet, nicht wie er behandelt werden kann — sondern was er, in seiner eigenen Logik, zeigt.

Die Kategorien der modernen Diagnostik beschreiben das Außen: Verlauf, Symptom, Abweichung vom Mittelwert. Das ist nützlich. Es ist nicht alles. Was fehlt, ist nicht Genauigkeit, sondern die andere Sprache — die Sprache des Erscheinens, des Innen, des Wie. Es gab Zeiten und Orte, in denen für das, was heute Störung heißt, andere Worte bereitstanden: Grenzerfahrung, Schwellengang, Berührung durch etwas, das größer ist als das Subjekt. Diese Worte waren nicht präziser. Aber sie ließen die Wunde sprechen, anstatt sie zu schließen.

Die Kategorien reichen dafür nicht. Sie beschreiben die Wunde, ohne in ihr zu lesen. Sie benennen die Spaltung, ohne zu fragen, was die Spaltung öffnet.

Was lernt man vom Riss?

Vielleicht das, wofür es noch keinen Begriff gibt: dass das, was wie Zerbrechen aussieht, manchmal die Form ist, in der etwas Ganzes zum Vorschein kommt — nicht trotz der Öffnung, sondern durch sie.