Das Mehr als Zwischenraum: Identität, Bewusstsein und das Unverfügbare

Das Gehirn denkt. Aber wer denkt, wenn das Gehirn denkt?

Die Frage klingt naiv. Sie ist es nicht.


Supervenienz beschreibt eine Abhängigkeitsbeziehung zwischen mentalen und physischen Eigenschaften: Keine Veränderung im Mentalen ohne Veränderung im Physischen. Das klingt nach einer Lösung des Leib-Seele-Problems. Es ist die Präzisierung seiner Tiefe. Denn die Supervenienz konstatiert nur, dass die Abhängigkeit besteht — sie erklärt nicht, warum sie besteht. Sie ist keine Kausalrelation, sondern eine logische Abhängigkeitsrelation. Sie beschreibt ein Phänomen, ohne es zu erhellen.

Hier liegt das philosophische Dynamit: Führt die Abhängigkeit des Mentalen vom Physischen zu einer vollständigen Reduktion — oder entsteht etwas Irreduzibles? Der nicht-reduktive Physikalismus versucht einen Mittelweg: Das Mentale hängt vom Physischen ab, lässt sich aber nicht vollständig darauf zurückführen. Zwei Personen mit identischen physischen Eigenschaften müssten auch identische mentale Eigenschaften aufweisen — aber umgekehrt können unterschiedliche physische Konstellationen dieselbe mentale Eigenschaft realisieren. Das Mehr ist nicht etwas, das zum Gehirn hinzukommt. Es ist die Art, wie dasselbe Physische in verschiedenen Kontexten verschieden bedeutet.

Diese Konzeption ist philosophisch bedeutsam, weil sie Raum lässt für das Zusätzliche. Sie hinterfragt die Athene-Metapher der „Kopfgeburt“ — den Gedanken, dass Identität fertig aus dem Schädel springt — und öffnet den Blick für das, was sich weder im Neuron noch im Begriff einfangen lässt.


Niklas Luhmann hat den Autopoiesis-Begriff von den Biologen Maturana und Varela übernommen und auf soziale und psychische Systeme angewandt. In seiner Theorie sind psychische Systeme operativ geschlossen — sie reproduzieren sich aus ihren eigenen Elementen und stellen füreinander wechselseitig Umwelt dar. Von außen kommende Reize sind nur Irritationen, die das System intern verarbeitet, ohne dass die Umwelt direkt eingreift.

Das beschreibt etwas Wahres über die Eigendynamik des Bewusstseins. Aber es verfehlt das Entscheidende: den Leib, die Verletzlichkeit, das konkrete Leid des Menschen. Luhmann lehnte den Subjektbegriff explizit ab — und genau das macht seine Theorie für die Frage nach Identität so unbefriedigend. Was herauskommt, ist ein Bewusstsein, das „nur entweder oder kennt“ — ein System, das Komplexität reduziert, aber nie von ihr berührt wird. Die existenzielle Dimension — dass Denken mit jemandem geschieht, dem etwas geschieht — fällt durch das systemtheoretische Raster.


Maurice Merleau-Ponty setzt dem entgegen: Der Leib ist das „Mittel des Zur-Welt-Seins“ — kein Gegenstand unter Gegenständen, sondern das, was sich nie vollständig vor unserem Blick entfalten kann. Der Leib „bleibt immer am Rand meiner Wahrnehmung und ist dergestalt mit mir“. Er ist das Unthematische, das alle Thematisierung ermöglicht, ohne selbst vollständig thematisierbar zu werden.

Das „Berühren und berührt werden — gleichzeitig“ ist das Kernstück von Merleau-Pontys Philosophie: der Leib ist gleichzeitig Subjekt und Objekt, aktiv und passiv, spürend und spürbar. Diese Ambiguität stellt die traditionellen Kategorien radikal in Frage. Wenn der Leib immer schon „Zwischenleiblichkeit“ ist — von vornherein auf andere bezogen, nicht als isoliertes Ego verständlich —, dann ist Identität nie etwas rein Innerliches.

Das „Sprechen und gesprochen werden“ — die Sprache als etwas, das uns formt, während wir sie formen — ist ein Ausdruck genau dieser Ambiguität. Weder über Identität noch über Alterität ist vollständig zu verfügen.


Michael Tomasellos Forschung liefert die empirische Untermauerung für Merleau-Pontys philosophische Einsichten. Geteilte Intentionalität — shared intentionality — meint die Fähigkeit und die Motivation, sich mit anderen in kooperativen Aktivitäten mit gemeinsamen Zielen und Absichten zu engagieren. Die psychologischen Prozesse der Beteiligten sind dabei gemeinsam auf etwas gerichtet und finden innerhalb eines gemeinsamen Aufmerksamkeitsrahmens statt.

Entscheidend ist Tomasellos zentrale Hypothese: Nicht die Veränderungen in der „Repräsentation“ von Welt sind ausschlaggebend für die Entwicklung des Menschen — sondern die erworbene Fähigkeit zur Metarepräsentation: sich in die geistige Welt einer anderen Person hineinzuversetzen und nicht nur vom anderen, sondern durch den anderen zu lernen. Unser Denken, unsere Identität, entsteht nicht isoliert im Gehirn, sondern in der kooperativen Bezugnahme auf die Intentionen anderer. Der Mensch ist von Grund auf ein kooperatives Wesen.

Das hat eine Konsequenz für die Supervenienz-Debatte, die selten gezogen wird: Wenn Identität wesentlich intersubjektiv ist, wenn sie im Zwischen entsteht — dann ist die Frage „Was superveniert worauf?“ schlecht gestellt. Das Mentale superveniert nicht nur auf dem individuellen Gehirn, sondern auf einer Konstellation aus Gehirnen, Körpern, Gesten, Blicken, gemeinsamen Räumen. Das Mehr ist nicht im Neuron. Es ist zwischen den Neuronen.


Die verschiedenen Fäden dieser Untersuchung ziehen sich zu einem Punkt zusammen: Supervenienz zeigt, dass das Mentale vom Physischen abhängt, aber nicht darauf reduzierbar ist. Merleau-Pontys Leibphänomenologie zeigt, dass wir immer schon leiblich und zwischenleiblich in der Welt sind. Tomasello zeigt, dass unser Denken wesentlich kooperativ und geteilt ist.

All das spricht gegen die These, das Ich sei „nur eine Illusion des Gehirns“. Es spricht dafür, dass Identität etwas ist, das sich im Zwischen entfaltet — zwischen Leib und Welt, zwischen Selbst und Anderem, zwischen Symbol und Symbolisiertem.

Das Mehr ist nicht etwas, das zum Gehirn hinzukommt. Es ist die Struktur der Bezüglichkeit selbst, in der wir immer schon stehen. Ein Faden, der immer schon aus mehreren Fäden geflochten ist — und der reißt, wenn man an einem einzigen zieht.


Und wenn das Zwischen selbst der Ort der Identität ist — was bleibt, wenn das Zwischen verschwindet?