Man kann nicht nicht kommunizieren. Und man kann nicht kommunizieren, ohne die Form zu erben, in der man kommuniziert.
Das ist kein Problem. Das ist die Falle.
Freud hat das Unbehagen in der Kultur als Spannung beschrieben: zwischen den Trieben des Individuums und den Anforderungen der Gemeinschaft. Nicht als Fehler des Systems — als seine Bedingung. Kultur kann nicht ohne Triebverzicht entstehen; Triebverzicht erzeugt unweigerlich Unzufriedenheit. Die Kultur ist deshalb kein Fortschritt über die Natur hinaus, sondern ein „eigenartiger Prozess“ — eine Technik des Zusammenlebens, die das, was sie ermöglicht, zugleich unterdrückt.
Jacques Lacan hat das Begehren aus diesem Unbehagen herausgehoben und radikalisiert: Das Begehren ist nie das Begehren nach dem Objekt. Es ist das Begehren nach dem Begehren des Anderen. Ich will, was du willst — nicht weil du recht hast, sondern weil dein Wollen meinem Begehren eine Form gibt, ohne die es formlos bleibt. Das Subjekt konstituiert sich im Spiegel des Anderen, im Blick, der zurückschaut — und dieser Blick gibt mir, was ich selbst nicht geben kann: einen Ort, eine Gestalt, eine Geschichte.
Das Begehren geht nie auf. Es ist strukturell unerfüllbar — nicht aus Zufall, sondern weil seine Erfüllung das Ende des Subjekts wäre.
Merleau-Ponty hat den Körper in diesen Zusammenhang eingebracht, ohne die psychoanalytische Rahmung. Der Leib ist das „Mittel des Zur-Welt-Seins“ — weder rein materiell noch rein geistig, sondern beides zugleich, untrennbar. Der Nullpunkt der Orientierung: Alles, was ich wahrnehme, wahrnehme ich von meinem Leib her — und der Leib selbst ist nie vollständig wahrnehmbar, weil er immer schon der Wahrnehmende ist.
„Berühren und berührt werden — gleichzeitig.“ Wenn die linke Hand die rechte berührt, ist die linke Hand Subjekt und die rechte Objekt — und doch kehrt sich das um, wenn die rechte Hand zurückspürt. Dieses Umkehren ist nicht auflösbar. Es ist die Grundstruktur des Leibes: aktiv und passiv zugleich, Subjekt und Objekt, berührend und berührt.
Das eröffnet einen Zwischenraum, den keine Theorie des Bewusstseins einholen kann. Die Zwischenleiblichkeit — das Fleisch, das sich nicht auf ein einzelnes Subjekt reduzieren lässt, das zwischen Körpern operiert, das Gemeinschaft bildet, bevor irgendein Subjekt zugestimmt hat — ist der Ort, an dem das Begehren wohnt.
Judith Butler hat diesen Ort politisch gemacht. Nicht durch Hinzufügen einer Machttheorie, sondern durch die Erkenntnis, dass der Körper schon immer in Machtrelationen steht — dass Geschlecht, Sexualität, Körpernorm nicht vorgefundene Eigenschaften sind, sondern Akte: Wiederholungen, die sich als Natürlichkeit verkleiden.
Die Performanz ist nicht frei — sie wiederholt, was sie vorgefunden hat. Aber in der Wiederholung liegt die Möglichkeit der Verschiebung. Nicht die Revolution, nicht der Ausbruch — die infinitesimale Abweichung in der Wiederholung, die sich akkumuliert, die die Norm durch ihre eigene Logik verbiegt.
Das ist die subversive Körperpraxis: nicht das Außerhalb der Norm, sondern die Norm, die sich beim Vollzug selbst unterläuft.
Hier liegt das Double Bind, das keine Auflösung findet: Man muss in einer Sprache sprechen, die man nicht gewählt hat, um sich zu äußern — und das Äußern reproduziert die Sprache, die man nicht gewählt hat. Das Entkommen ist möglich, aber nur durch das, wovon man entkommen will. Das Subjekt konstituiert sich durch Normen, die es nicht anerkennt — und die Nicht-Anerkennung ist bereits in der Sprache der Anerkennung formuliert.
Das ist kein Pessimismus. Es ist die nüchterne Beschreibung einer Situation, in der es kein Außen gibt. Kein Standpunkt außerhalb der Machtrelationen, von dem aus man die Machtrelationen überblickt. Aber — und das ist entscheidend — kein totales Innen entweder. Die Verschiebung ist möglich. Die Wiederholung trägt die Abweichung in sich.
Was von diesem Zwischen-Sein möglich ist, lässt sich nicht im Voraus sagen. Es zeigt sich erst im Vollzug.
Was bleibt, wenn die Wiederholung aufhört — und was beginnt?