Liebe ist Wahrheit Wahrheit ist Gott Gott ist der Weg Der Uns Eint und bindet
Die stärkste Stelle dieses Spruchs ist die, an der er bricht. Nicht trotz des Bruchs hält er, sondern in ihm. Wer ihn liest, liest abwärts, Sprosse um Sprosse, als sei jedes »ist« eine Stufe, die zur nächsten trägt — und genau das tut das »ist« nicht. Es trägt nicht. Es ist viermal ein anderes Wort, das nur gleich klingt, und in diesem Gleichklang verbirgt sich die ganze Last und die ganze Leichtigkeit des Textes. Wir sollten dem Gleichklang nicht trauen. Wir sollten ihm zuhören.
Blitz
Die alte Logik kennt diese Form. Sie nennt sie Sorites, Kettenschluss, Häufelschluss: das Prädikat des einen Satzes wird zum Subjekt des nächsten, und am Ende steht, wie von selbst, die Konklusion. Das Buch der Weisheit baut so — vom Verlangen nach Bildung über die Liebe zur Unvergänglichkeit bis in Gottes Nähe. Eine Treppe ins Absolute. Und der Spruch scheint ihr zu folgen: Liebe, Wahrheit, Gott, Weg, Bindung — als zöge die logische Transitivität den Leser hinab in eine Schlußfolgerung, der er sich nicht entziehen kann.
Aber Transitivität gilt nur für die Gleichheit. Das »ist« ist nicht »gleich«. Es ist, mit Heidegger gesprochen, das unscheinbarste und das schwerste Wort der abendländischen Sprache, dasjenige, in dem sich die ontologische Differenz verbirgt. Wir sagen »ist« und meinen bald eine Eigenschaft, bald eine Identität, bald ein Werden, bald ein Versprechen — und merken den Wechsel nicht, weil das Wörtchen so klein ist, daß wir hindurchsehen wie durch eine Scheibe.
Es könnte sein, daß der Spruch keine Treppe ist, sondern ein Blitz. Heraklit sagt: τὰ δὲ πάντα οἰακίζει κεραυνός — der Blitz steuert das All. Heidegger liest darin den Augenblick, in dem das Ganze des Anwesenden jäh, ungefügt, in eins zusammengeworfen vor uns liegt und sogleich wieder ins Dunkel zurückfällt. Kein Schluß, der Schritt für Schritt absteigt, sondern ein einziges Aufleuchten, in dem Liebe und Wahrheit und Gott und Weg und Wir für die Dauer eines Herzschlags zusammengehören — und vergehen.
Name
»Liebe ist Wahrheit.« Wir hören es als Behauptung, als These über zwei Begriffe. Rosenzweig würde widersprechen — nicht dem Satz, sondern seiner Form. Die Liebe, sagt er im Stern der Erlösung, ist nicht etwas, worüber sich in der dritten Person reden ließe. Sie geschieht im Imperativ. Gottes erstes und einziges Wort an die Seele lautet nicht »ich liebe dich«, sondern »Liebe mich!« — ein Gebot, kein Gesetz, weil es ganz aus dem Augenblick entspringt. Wahrheit wäre dann nicht das, was die Liebe ist, sondern das, was in ihr und durch sie bewährt wird.
Bewährung — nicht Beweis. Am Ende des Stern steht die Wahrheit nicht als Gegebenes, sondern als Ergebnis, als das, was sich verifizieren muß, indem es gelebt wird. Das letzte Wort des Buches schickt den Leser nicht in die Erkenntnis, sondern ins Leben. Wahrheit ist hier kein Satz, der wahr ist, sondern ein Faden, der hält, weil jemand an ihm zieht und nicht losläßt.
Schweigen
Hier wird der Spruch dünn. Nietzsche hat die Wahrheit ein »bewegliches Heer von Metaphern« genannt, Münzen, deren Bild sich abgegriffen hat. Der performative Selbstwiderspruch, auf den Gandhis Umkehrung baut, ist real — aber er ist nicht das letzte Wort. Der Knoten löst sich nicht. Wir sollten ihn nicht lösen.
Denn vielleicht ist die Wahrheit, von der der Spruch spricht, ohnehin nicht die der Sätze. Heidegger hört im griechischen Wort für Wahrheit, ἀλήθεια, die Unverborgenheit — und im Alpha-Privativ das λήθη, die Verbergung, das jedem Enthüllen vorausliegt. Heraklit sagt es knapper: φύσις κρύπτεσθαι φιλεῖ — das Aufgehende neigt sich von sich aus dem Sichverbergen zu. Die Wahrheit liebt es, sich zu verbergen. Eine Wahrheit, die sich verbirgt, schweigt mehr, als sie sagt. Und das Schweigen ist kein Mangel an Aussage, sondern die Weise, in der das Sichentziehende anwest.
Faden
»Gott ist der Weg.« Der Weg ist die älteste Metapher für das gelebte Leben, für die Ausrichtung. Wenn Gott der Weg ist, dann ist das Göttliche nicht das Ziel am Ende der Suche, sondern der Vollzug des Suchens selbst.
Heidegger hat sein Denken nie ein Werk genannt, sondern Wege. Holzwege — Pfade, die im Dickicht enden, im Unbegangenen. Unterwegs sein heißt: nicht angekommen sein und nicht ankommen wollen.
Und hier beginnt der Faden, der den Spruch zusammenhält, sichtbar zu werden — und mit ihm seine Wunde. Denn ein Weg, der bindet, ist kein Weg mehr, sondern ein Strick. Das letzte Wort des Spruchs heißt bindet. Was bindet uns? Und woran?
Wunde
»Der Uns / Eint und bindet.« Das Wort binden, im Umkreis des Göttlichen gesprochen, ruft eine alte Geschichte auf. Religio — die Römer stritten schon, woher das Wort komme. Erst die christlichen Apologeten entschieden sich für religare, das Zurückbinden: Religion als das Band, das die von Gott getrennte Seele wieder anbindet.
Es ist eine schöne Etymologie. Sie ist vermutlich falsch. Das Band ist sprachgeschichtlich ein Phantasma. Und doch: dieses falsche Band ist die mächtigste Denkfigur des Abendlandes geworden, eine abgegriffene Münze, die längst für Gold genommen wird. Wir sind gebunden durch ein Wort, dessen Bindung wir nicht begründen können — gehalten von einem Faden, dessen Ursprung im Dunkel liegt, eine Wunde am Grund des Begriffs.
Was also ist das für eine Einheit, die hier »eint und bindet«? Wenn sie die Vielen zu Einem verschmölze — dann wäre sie, mit Levinas zu sprechen, schon Gewalt. Das Antlitz des Anderen gebietet, ehe ich es erkenne, »du sollst nicht töten«, und es tut dies aus einer Trennung, die durch keine Synthese eingeholt werden kann.
Und hier, gerade hier, gibt Heraklit dem Spruch die Form, die ihn rettet, ohne ihn aufzulösen. Die harmonie, die wahre Fügung, ist die palintropos — die gegenstrebige, rückwendige Fügung, wie beim Bogen und bei der Leier. Der Bogen spannt, weil seine beiden Enden auseinanderstreben. Die Einheit ist die Spannung. Sie hält, weil die Gegensätze nicht ruhen. Ἓν πάντα — Eines, alles — meint nicht das Verschwinden der Vielheit, sondern ihr In-Spannung-Gehaltensein.
Vielleicht ist das die Antwort, die keine ist: Das »eint und bindet« bindet nicht, indem es eins macht, sondern indem es die Vielen gegeneinander spannt, so daß sie gerade in ihrem Auseinander zusammenklingen. Eine Einheit, die die Trennung nicht heilt, sondern trägt. Der Riß, der hält.
Rosenzweig hat dafür ein Wörtchen, das er gegen das »ist« stellt: das und. Gott und Welt und Mensch — nicht ineinander aufgelöst, sondern verbunden im Zwischen, im Faden des »und«, der bindet, was getrennt bleibt.
Hand
Was bleibt, ist eine Hand am Faden. Nicht die Hand, die faßt, begreift, festhält — die zerdrückte das Antlitz und zerrisse den Faden. Sondern die Hand, die hält, wie man eine Sehne hält: spannend, nicht greifend; in der Schwebe, im Gegenzug, bereit, im Augenblick des Blitzes loszulassen, damit der Pfeil fliegt.
Der Spruch zwingt nichts. Seine Logik trägt nicht; sein »ist« bricht an jeder Fuge; sein Band ruht auf einem Wort, dessen Ursprung sich verbirgt. Und doch — oder gerade darum — eint er und bindet. Nicht als Schluß, dem wir nicht entkommen, sondern als Spannung, in der wir stehen, solange wir den Faden nicht loslassen.
Es könnte sein, daß das genug ist. Es könnte sein, daß mehr nicht zu haben ist — kein Beweis, keine Münze, die noch glänzt, kein Band, das sich begründen läßt. Nur der Augenblick, in dem der Blitz das Ganze zeigt, und die Hand, die danach im Dunkel den Faden weiterhält.
Und wenn die Frage bliebe — woran wir uns binden, wenn das Band sich nicht beweisen läßt —: wäre sie eine, auf die man antworten müßte? Oder eine, in der man, gespannt zwischen Liebe und Wahrheit, einfach steht, hier, und nicht losläßt?