Angst und Schwelle: Heidegger, Celan, Meister Eckhart

Wir schweben in Angst.

Heidegger sagt das ohne Schauder. Kein Abstand, keine Warnung. Die Angst lässt uns schweben, weil sie das Seiende im Ganzen zum Entgleiten bringt. Das ist keine Katastrophe. Das ist eine Weise des Erschlossenseins.


Die Angst, von der Heidegger spricht, ist nicht die Angst vor etwas. Die Furcht hat ein Objekt — das Messer auf dem Tisch, die Stimme auf dem Flur. Die Angst hat keines. Sie kommt aus dem Unbestimmten und richtet sich auf das Unbestimmte: auf das Dasein selbst in seiner nackten Geworfenheit, auf die Tatsache, dass man da ist, ohne dass das Da einen Grund hätte.

In der Angst wird das Dasein auf sein eigenstes Seinkönnen zurückgeworfen. Die Welt, die im Alltag selbstverständlich ist, zieht sich zurück — nicht indem sie verschwindet, sondern indem sie aufhört, verlässlich zu sein. Die Dinge sind noch da. Aber sie bedeuten nicht mehr. Und in diesem Nicht-Mehr-Bedeuten öffnet sich etwas: der Raum, in dem das Dasein mit sich allein ist.

Das ist die Erschlossenheit, die die Angst schafft. Nicht Erkenntnis, sondern Offenheit. Keine Antwort — eine Bedingung.


Victor Turner hat für die Schwellenerfahrung den Begriff der Liminalität geprägt: betwixt and between, zwischen zwei Seinsmodi, die weder der alte noch der neue ist. Der Schwellenzustand ist der Zustand des Noch-Nicht und Nicht-Mehr — gefährlich, weil die Orientierungsmarken fehlen; produktiv, weil das Neue genau hier entsteht.

Liminale Lyrik vollzieht diesen Zustand sprachlich. Die Enjambements — die Zeilenbrüche, die den Satz mitten im Schwung unterbrechen — sind nicht stilistische Entscheidungen. Sie sind die Performance der Zerrissenheit selbst. Die Sprache stolpert, hält nicht an, findet den Boden nicht, und macht trotzdem weiter. Wie das Dasein in der Angst: schwebend, aber nicht fallend.

„Leere Lippen“ — und trotzdem: „Worte Glanz.“ Die scheinbare Stille erzeugt doch Bedeutung. Die Sprachlosigkeit artikuliert sich selbst. Das ist kein Widerspruch — das ist die Struktur der liminalen Sprachsituation.


Meister Eckhart hat über die Angst nicht mit Heideggers Begriff gesprochen, aber über etwas Strukturell Verwandtes: die Gelassenheit, die entsteht, wenn man aufhört, sich am Seienden festzuhalten. Das Lassen bei Eckhart ist kein Verzicht — es ist eine Öffnung. Wer alle Bilder, alle Begriffe, alle Anhaftungen loslässt, tritt in den grunt, den Grund der Seele, der zugleich der Grund Gottes ist.

Die apophatische Theologie — die via negativa — sagt: Über Gott lässt sich nur sagen, was er nicht ist. Nicht weil das Wissen fehlt, sondern weil jede Bestimmung verkleinert. Das Schweigen der Apophatik ist kein Verstummen. Es ist das Sprechen, das aufgehört hat zu verfügen.

Heideggers Angst und Eckharts Gelassenheit sind nicht dasselbe. Heideggers Angst erschreckt; Eckharts Gelassenheit beruhigt. Aber beide führen an denselben Ort: den Ort, wo das Seiende aufhört, das Letzte zu sein.


Paul Celan hat nach der Shoah an diesem Ort geschrieben — ohne Eckharts Gelassenheit, ohne Heideggers Systematik. Die Atemwende ist der Moment, in dem die Sprache umkehrt, anhält, nicht mehr vorwärts kann — und trotzdem weitergeht. Das Gedicht schreibt sich durch die Sprachlosigkeit hindurch, nicht über sie hinweg. Es trägt die Wunde in sich.

„Engführung“ — das Stimmführungsverfahren aus der Fuge, in dem mehrere Stimmen immer näher zusammenrücken, bis sie sich fast berühren. Celan macht das zur Metapher für das Sprechen nach dem Äußersten: Die Stimmen rücken zusammen, sprechen gleichzeitig, werden schwer unterscheidbar — und im Verdichten entsteht ein Klang, der über die einzelnen Stimmen hinausgeht.

Das Nichts bei Eckhart ist Ermöglichungsgrund. Das Nichts bei Heidegger ist Erschlossenheit. Das Schweigen bei Celan ist Spur. Alle drei sagen: Das Äußerste der Sprache ist nicht das Ende des Denkens. Es ist der Anfang einer anderen Weise des Sprechens.


Hans Jonas hat von der Angst zur Fürsorge gedacht: Die Grundbefindlichkeit, die das Eigene preisgibt, wendet sich, wenn sie in die Welt schaut, zur Verantwortung für das Andere. Angst als Öffnung — Fürsorge als Antwort auf diese Öffnung.

Aber die Frage ist, ob die Fürsorge die Angst schließt oder vertieft. Ob das Sorgen für Andere ein Ankommen ist — oder ob es die Schwellenerfahrung in den Alltag trägt, als permanentes Schweben in der Verantwortung, die nie abgegolten werden kann.


Das Nichts ermöglicht. Was genau — das lässt sich nur vollziehen.