I. Der Text
Nun. Wo Schatten reich Deiner Anwesenheit Zu Halten Dich begnügen, Einer, Mein letzter Zug. Getrennt: All Seiendes. Ein Ander Mal – Geschehen. Toren, Vater Sag: Zahl um Zahl. Schleife den Stein Leg dort Deine Harfe und Schweige Stiller um Morgen zu steigen. Verneigt sich Stern um Stern: Vor Deiner Stirn Zu Schenken Dir All Verlorenem Orte Brechen Sie auf: Siegeln letzte Worte lichten Blickes Zurück: Zug um Zug Erstes Natur. Hungrig
2023
II. Was vorausging
Ein Gedicht, das mit Nun beginnt, kommt zu spät. Das Jetzt, das es ausspricht, ist vergangen, sobald der Punkt dahinter steht, und doch ist es das einzige Jetzt, das es hat. Nun. ist ein Wort, das empfängt, indem es sich schließt.
Was ihm vorausging, lässt sich auf die Minute sagen. Zuerst wurde Hölderlins Friedensfeier abgeschrieben, der ganze Text, Zeile um Zeile. Dreiundachtzig Minuten später stand darunter Nun. Diese Minuten sind die Schwelle dieses Gedichts: Was jenseits von ihr geschrieben wird, ist kein Einfall, es ist eine Antwort. Am Anfang steht kein Gedanke, am Anfang steht eine Gabe.
Hölderlin hat diese Ordnung selbst ausgesprochen, beiläufig, mitten in der Hymne:
Des Göttlichen aber empfiengen wir
Doch viel.
Wer abschreibt, empfängt zweimal: Einmal empfängt er den Wortlaut, einmal die Zeit, die das Abschreiben kostet. Vielleicht zeigt sich in diesen dreiundachtzig Minuten schon, was das Gedicht dann tut. Es nimmt die Hymne entgegen, Wort für Wort, und gibt sie nicht zurück, wie sie war.
III. Was es aufnimmt
Die Hymne sagt, an ihrer Mitte: „Und nun erkennen wir ihn, / Nun, da wir …“ In der Abschrift, auf die das Gedicht antwortet, geht der Vers weiter: kennen den Vater. Das Gedicht nimmt beides auf, das Nun und den Vater. Das Erkennen nimmt es nicht auf. Bei Hölderlin wird der Vater gekannt. Im Gedicht wird er gerufen: Toren, Vater / Sag. Der Name, der hier fällt, ist kein Name. Einer, Mein — das ist ein Ruf, keine Zuschreibung. Wer gerufen wird, ist nicht festgestellt, er ist angesprochen.
Über die Hymne ist seit 1954 gestritten worden, wer ihr „Fürst des Fests“ sei: Christus, Napoleon, der Friede selbst, ein Gott mit Zügen Saturns. Peter Szondi hat, wie Bevilacqua es wiedergibt, gesagt, jeder Schlüssel passe, aber „in quel testo manca la serratura“ — in diesem Text fehle das Schloss. Nun. löst das nicht auf. Es empfängt die Unentscheidbarkeit und gibt sie weiter: ein Du ohne Namen, ein Einer, eine Stirn. Das Gedicht weiß nicht mehr als die Hymne. Es weiß es anders.
Die Hymne versammelt. Ihr Festtag heißt „Der Allversammelnde“, und sie bildet ihre großen Namen aus All: „du Allbekannter“, der „Alllebendige“, die „Allzuliebende“, die „Allkräftige“. Das Gedicht antwortet in der dritten Zeile: Getrennt: All Seiendes. Und es schreibt, was es sagt. All steht für sich, All Seiendes, All Verlorenem, und mit ihm stehen Zu Halten, Zu Schenken, Ander Mal auseinander. Wo die Hymne zusammenfügt, lässt das Gedicht den Riss im Wortbild offen. Es heilt ihn nicht, es hält ihn. Die Trennung ist hier kein Verlust, der beklagt wird; sie ist die Weise, in der das Empfangene ankommt: einzeln.
Ein / Ander Mal – Geschehen. Über den Zeilenbruch wird aus dem Ein ein anderes Mal. Derrida hat in iter, dem lateinischen noch einmal, das sanskritische itara, anders, gehört; das ist seine Geste, keine gesicherte Herkunft, aber das Gedicht vollzieht sie, ohne sie zu kennen. Es wiederholt die Hymne, und die Wiederholung ist schon ein Anderes.
Sag: Zahl um Zahl. Auch die Hymne kennt eine Zahl, eine einzige: Die Seligen sind „In Chören gegenwärtig, eine heilige Zahl“. Bei Hölderlin wird die Versammlung als Ganzes gezählt. Hier wird gezählt, Stück für Stück, wie man Namen auf einen Stein schleift.
IV. Was es nicht singt
Leg dort Deine Harfe und Schweige. Die Geste ist älter als beide Gedichte. Im 137. Psalm sitzen die Verschleppten an den Wassern Babels:
Unsere Harfen hängten wir an die Weiden im Lande.
Und sie fragen: „Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande?“ Das Schweigen steht im Psalm nicht als Wort. Es steht in der Frage, auf die keiner antwortet.
Hölderlin hofft auf das Gegenteil:
Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.
Und einige Verse weiter:
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.
Die Hymne schreitet vom Gespräch zum Gesang. Das Gedicht geht den umgekehrten Weg, vom Sagen — Sag: Zahl um Zahl — zum Schweigen. Aber es verstummt nicht. Schweige / Stiller: Man wird nicht still, man wird es mehr. Dieses Schweigen trägt, es ist ein Steigerungsgrad, kein Abbruch, und aus ihm steigt etwas, um Morgen zu steigen. Die abgelegte Harfe klingt nach. Wer sie hinlegt, hat sie nicht zerbrochen. Er hat sie dort gelassen, wo sie empfangen werden kann.
Verneigt / sich Stern um Stern: Vor Deiner Stirn. In der Hymne „Beugt fast die Knie das Hohe“, und vom Gestirn heißt es: „Und es lehret Gestirn dich, das / Vor Augen dir ist, doch nimmer kannst du ihm gleichen.“ Neben Hölderlin steht der ältere Traum des Josef: „siehe, die Sonne und der Mond und elf Sterne neigten sich vor mir.“ Dort folgt der Tadel des Vaters: „Sollen denn ich und deine Mutter und deine Brüder kommen und vor dir niederfallen?“ Im Gedicht tadelt niemand. Der Vater ist angerufen und schweigt; die Sterne neigen sich, und die Neigung wird angenommen, ohne dass einer sie sich verdient hätte. Vielleicht ist das die stillste Wendung des Gedichts: Die Verneigung gilt nicht einem, der sie fordert. Sie gilt einer Stirn, die sie empfängt.
V. Der Dank, der nicht gleich hernach folgt
An einer Stelle sagt die Hymne, was Danken ist, und sie sagt es als Verzögerung:
Und trift daran ein Schiksaal, aber Dank,
Nie folgt der gleich hernach dem gottgegebnen Geschenke;
Tiefprüfend ist es zu fassen.
Der Dank kommt nicht sofort. Zwischen Gabe und Dank liegt ein Schicksal, und was dazwischen liegt, muss tiefprüfend gefasst werden. Und unmittelbar daneben wird die Gabe selbst als Schonung gedacht:
Auch wär' uns, sparte der Gebende nicht
Schon längst vom Seegen des Heerds
Uns Gipfel und Boden entzündet.
Der Gebende spart. Er gießt nicht alles aus, weil das Ganze verbrennen würde. Die Gabe ist bemessen, und gerade darin ist sie Gabe: Sie lässt dem Empfangenden Raum, nicht verzehrt zu werden. Das ist das Vergießen, das in diesem Text einmal geschieht: als ein Ausgießen, das sich zurückhält.
Nun. steht in dieser Verzögerung. Es dankt nicht. Es schenkt. Zu Schenken Dir All Verlorenem Orte — Orte schenken, allem, was verloren ist. Die Hymne kennt das Verlorene: Die Natur hat geklagt „Wie die Löwin“, „Natur, die Kinder verloren.“ Und sie kennt den, der „mitten im Wort“ verstummte: „Ach! aber dunkler umschattete, mitten im Wort, dich / Furchtbarentscheidend ein tödtlich Verhängniß.“ Das Gedicht antwortet mit einem Schatten, der „reich“ ist, und mit letzten Worten, die gesiegelt werden. Es nimmt das Verhängnis nicht als Anklage auf. Es nimmt es als Gegebenes und gibt dem Verlorenen, was ihm genommen wurde, einen Ort.
Heidegger hat eine Rede in seiner Heimatstadt mit dem Satz begonnen: „Das erste Wort, das ich öffentlich in meiner Heimatstadt sagen darf, kann nur ein Wort des Dankes sein.“ Bei Hölderlin ist der Dank nie das erste Wort. Im Gedicht ist das erste Wort Nun, und der Dank kommt im ganzen Gedicht nicht vor. Vielleicht ist das kein Mangel. Vielleicht ist es die Treue zur Hymne: ein Dank, der nicht gleich hernach folgt, weil er erst tiefprüfend gefasst werden muss.
VI. Zug um Zug
Und doch steht am Ende der gereimten Zeilen ein Wort, das diesen Dank in Frage stellt. lichten Blickes Zurück: Zug um Zug. Der letzte Zug der dritten Zeile, Atemzug, Abschied, kehrt wieder. Aber Zug um Zug ist auch die Formel des Rechts: Wer nicht leistet, bevor der andere leistet, wird verurteilt, „dass der andere Teil zur Erfüllung Zug um Zug zu verurteilen ist“. Zwei Zeilen nach dem Schenken steht das Wort des Tausches.
Hier wendet sich die Frage gegen den, der dankt. Ist der Blick zurück ein Empfangen — oder eine Abrechnung? Derrida hat gezeigt, dass die Gabe sich aufhebt, sobald der Empfangende sie als Gabe behält und erwidert; was zurückkommt, macht sie zum Tausch. Ein Dank, der sofort folgt, ist schon Bezahlung.
Wie schnell ein Dank zur Rechnung wird, lässt sich erproben: Man gebe das Gedicht einer Maschine zu deuten. Die Deutung folgt gleich hernach, in Sekunden. Sie zahlt zurück, Zug um Zug, mit Namen — Heidegger, Celan, Benjamin, Beckett — und mit Erfundenem: Ein Gedicht von 2023 nehme Derridas Mal d'archive von 1995 vorweg; Hungrig rufe ein „Hungerlied“ Brechts auf, das sich nicht findet, das bekannte ist von Georg Weerth. Was nicht tiefprüfend gefasst wird, wird verrechnet.
Und auch diese Auslegung steht unter derselben Frage. Wer ein Gedicht auslegt, nimmt es entgegen und gibt etwas dafür: Bezüge, Belege, Namen. Es könnte sein, dass jede Auslegung schon ein Zug um Zug ist, eine Quittung über Empfangenes. Ob ihr Dank die Hand öffnet oder sie vor die Augen hält, lässt sich von innen nicht entscheiden. Bei Dostojewski bewahrt der Starez Sossima das Wort seines sterbenden Bruders Markel, jeder sei vor allen für alles schuldig. Dieses Wort teilt keine Schuld zu; es nimmt sie auf sich, bevor es jemanden ansieht. Vielleicht ist das die einzige Haltung, in der Auslegen nicht zur Abrechnung wird: zu wissen, dass man zu früh dankt, und die Hand dennoch offen zu halten.
VII. Erstes / Natur. / Hungrig
Wo der Reim aufhört, stehen drei Wörter, jedes allein auf seiner Zeile. Bis zur elften Zeile klang alles zurück, Mein auf Ein auf Stein, Orte auf Worte, Zug um Zug auf den letzten Zug. Dann kein Klang mehr, der antwortet.
Erstes / Natur. Über den Bruch gelesen: erste Natur. Was das Gedicht vorher aufgezählt hat, Harfe, Zahl, Stein, Siegel, Worte, gehört zu dem, was Menschen sich angeeignet haben. Am Ende bleibt, was vorher war. Die Hymne endet fast mit der Natur, die ihre Kinder verlor, und wenige Verse später mit „Nun kennest, nun lässest du diß;“. Nun. beginnt mit diesem Nun und endet, fast, mit Natur. Es liest das Ende der Hymne rückwärts, als hätte es sie vom Schluss her empfangen.
Und das letzte Wort steht außerhalb der beiden Punkte, die das Gedicht rahmen. Hungrig. Bei Hölderlin ist das Mahl gerichtet: „Zum Gastmahl, das bereitet ist,“ ruft er den Fürsten des Festes. Hier kommt einer, der Hunger hat. Ob er an den gedeckten Tisch kommt oder ob das Fest nicht stattfand, sagt das Gedicht nicht. Es hört auf, bevor gegessen wird, und also bevor gedankt werden könnte.
Der Hunger ist die Wunde, die der Dank nicht zuklebt. Wer hungrig ist, hält die Hand offen; er kann nicht danken für das, was er noch nicht empfangen hat, und er kann die Hand nicht schließen, solange er wartet. Das ist kein Scheitern des Dankes. Es ist seine Bedingung. Das Gedicht winkt an dieser Stelle, statt zu sagen — auf einen Tisch, der bereitet ist, und auf einen, der nicht weiß, ob er an ihm Platz nehmen darf.
Und wenn der Hunger nun selbst der Dank wäre, der nicht gleich hernach folgt — der Dank, der wartet, weil er die Gabe nicht verrechnen will: Was hätten wir dann empfangen, als wir die Hymne lasen, und was hätten wir zurückzugeben, außer der offenen Hand?
Quellen: Friedrich Hölderlin, „Friedensfeier“, zitiert nach dem Erstdruck im Hölderlin-Jahrbuch 1954, hg. von Friedrich Beißner und Paul Kluckhohn · Psalm 137 und 1. Mose 37 nach der Lutherbibel 2017 · Peter Szondi, „Er selbst, der Fürst des Fests. Die Hymne ‚Friedensfeier‘“, in: Hölderlin-Studien, hier nach Giuseppe Bevilacqua, „Per l'ultima volta, ‚Friedensfeier‘“, Spazio Filosofico 14 (2015) · Martin Heidegger, „Gelassenheit“ · Jacques Derrida, „Signatur Ereignis Kontext“; Falschgeld. Zeit geben I · Fjodor Dostojewski, Die Brüder Karamasow, Buch VI · § 322 BGB