Da versagt mir mein Leben zu streben: Das mystische Scheitern

Da versagt mir mein Leben zu streben.

Nicht: Ich versage. Sondern: Das Leben versagt mir das Streben. Das Streben wird entzogen — von innen, durch die Lebendigkeit selbst. Der Satz bricht schon bei seiner ersten Bewegung ein.


Das ist ein Gedicht aus dem Jahr 2015. Zehn Jahre später dieselbe Haltung — nicht als Zufall, sondern als Kontinuität einer Erfahrung, die sich nicht auflöst, weil sie keine Lösung braucht.

„um vergebens des lebensmüden / Süden / Deines Angesicht“ — das Antlitz des Anderen erscheint hier nicht als ethischer Anspruch (Levinas), sondern als Horizont: das Süden als Wärme, die man sucht, der Süden, der lebensmüde ist. Das Angesicht des Anderen trägt die Erschöpfung, die das Ich auch trägt. Die Begegnung ist keine Heilung — sie ist die Erkenntnis der geteilten Müdigkeit.

„Norden eines / Fürchtet Euch nicht“ — ein biblisches Fragment, hineingestellt in die Geographie des Gedichts. Der Norden als die Richtung der Kälte, der Härte, der Einsamkeit — und in den Norden hinein das Engelswort: Fürchtet euch nicht. Das Tröstungswort stammt von denen, die wissen, dass Angst da ist. Es sagt nicht: Es gibt nichts zu fürchten. Es sagt: Die Angst ist da, und trotzdem.


Margarete Susman hat das lyrische Ich als etwas beschrieben, das vom empirischen Ich geschieden ist — nicht als Erfindung, sondern als jene tiefere Instanz, die in der Dichtung zu Wort kommt, wenn das Alltagsich verstummt. Das Subjekt des Gedichts konstituiert sich durch Negationen: „Da versagt mir mein Leben“, „den ich nicht zu hoffen wag“. Es ist das Ich, das sich durch das Nicht-Können, das Nicht-Dürfen, das Nicht-Wagen formt — und das darin genauer ist als das Ich, das kann und darf und wagt.

Das ist kein Selbstmitleid. Es ist eine phänomenologische Präzision: Für dieses Subjekt ist das Streben nicht möglich. Nicht wegen einer äußeren Begrenzung. Das Leben selbst — die Lebendigkeit, die Kapazität des Strebens — ist entzogen. Was bleibt, ist der Strebende ohne Streben: das Ich, das sich in der Bewegung weiß, ohne sich in ihr zu finden.


Rilkes Sehnsuchtsmystik kennt diese Erfahrung. Das Beten Rilkes ist kein Gebet um etwas. Es ist das Aushalten der Öffnung — das Stehen vor dem Unnahbaren, ohne dass das Unnahbare näher kommt, und ohne dass das Stehen aufhört. Die Sehnsucht ist nicht das Vorzeichen der Erfüllung — sie ist die Form, in der sich das Verhältnis zum Unnahbaren vollzieht.

Die mystische Tradition hat dafür eine Methode: die via negativa. Meister Eckhart sagt: Gott ist nicht dies und nicht das. Nicht weil Gott unerkennbar wäre — sondern weil jede Bestimmung Gott verkleinert. Das Wissen über Gott führt von Gott weg. Das Nicht-Wissen führt hin.

Das Streben, das im Gedicht versagt, ist vielleicht gerade deshalb näher am Ziel als das Streben, das gelingt. Die via negativa ist keine Niederlage — sie ist ein anderer Weg.


„fielen / Feuer, sie spielen / zielen / in die Ferne / gerne entdecke ich Dich an / Diesem Ende / deine Hände.“

Das Gedicht endet mit Händen. Nicht mit einer Berührung — mit der Geste der Hände, die sichtbar werden, wenn man an das Ende kommt. „Diesem Ende“ ist doppelwertig: das Ende des Gedichts, das Ende des Weges, das Ende des Strebens. An diesem Ende — nicht nach ihm, nicht jenseits von ihm — erscheinen deine Hände.

Die Hände des Anderen als offenes Ende: keine Umarmung, kein Ergreifen, keine Vollendung. Die Hände — sichtbar, nah, anwesend — und trotzdem das Letzte, was gesagt wird. Als wäre die Berührung möglich, aber nicht vollzogen. Als wäre das die einzige Form, in der sie möglich ist.

Das mystische Streben ohne Ankunft ist nicht das Scheitern der Mystik. Es ist ihre Struktur.


Zehn Jahre früher beginnt ein Gedicht: „Da versagt mir mein Leben zu streben.“ Zehn Jahre später ist das Streben noch da — in anderen Formen, mit anderen Referenzen, an anderen Grenzen. Das ist kein Fortschritt. Das ist die Kontinuität einer Grundhaltung, die sich nicht auflöst, weil sie keine Auflösung braucht.


An diesem Ende — deine Hände. Was greifen sie?