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Die Wunde der Zeichen

Die Erfahrung belehrt uns, dass die Sprache nicht in ihrer Unschuld verweilt. Das Gesetz – Lacans Nom du père, der Name des Vaters – fällt auf uns herab. Sprache wird zur Zuschreibung, zur Markierung, zur Grenzziehung. In ihrer kältesten Konsequenz verwandelt sie sich in jenes Verwaltungsinstrument, das Menschen in Raster, Profile und Nummern presst. Wo der Diskurs total wird, verschwindet der Einzelne. Wie aber finden wir zurück zu einer Sprache, die nicht verletzt? Die nicht jenes prekäre Schibboleth ist, das an der Grenze entscheidet, wer dazugehört und wer ausgeschlossen bleibt?

Vielleicht liegt die Spur nicht in den großen Theorien, sondern in einem unscheinbaren Fund. Neben den Beileidskarten zum Tod meines Großonkels lag ein altes Kartenspiel. Es stammt von Menschen, die – lange bevor unsere heutigen Debatten entbrannten – eine zutiefst gerechte, weil aufmerksame Sprache in den Händen hielten. Tiere waren darauf abgebildet, fein benannt: Der Maulwurf / Die Maulwürfin Der Hase / Die Häsin Der Mausebock / Die Maus

Dieses Kartenspiel ist kein Dokument eines ideologischen Kampfes. Es ist sein Gegenteil: das Zeugnis einer Sprache, die absichtslos Platz macht. Das Hinzufügen der weiblichen Form war hier keine politische Maßregel, sondern eine Geste der Genauigkeit, der liebevollen Zögerlichkeit. Es erkannte an, dass die Welt vielgestaltig ist – und dass jedes Lebewesen das Recht auf seinen eigenen, unversehrten Namen hat.

Die Wunde der Zeichen – jener Riss zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten – wird dadurch nicht geheilt. Sie bleibt. Doch das Kartenspiel erinnert daran, dass wir wählen können, wie wir in diesen Riss hineinsprechen. Wir müssen die Differenz nicht auslöschen und nicht zur Waffe machen. Wir können sie einfach benennen, sachte und präzise, wie man eine Karte aufdeckt. Ein Sprechen, das nicht behauptet, die Welt zu beherrschen, sondern sie behutsam buchstabiert. Dort darf das Ich zurücktreten. Und das Du darf sein.

Es ist dieses Aufatmen, wenn die Klinge der Bewertung in der Scheide bleibt. Wenn die Sprache uns nicht als Material zurrt, sondern uns schont. Lass uns diesen Gedanken in das Gewebe des Textes einziehen. Wenn wir Benjamin, Lacan und Derrida durch diese Linse betrachten, wird aus abstrakter Sprachtheorie eine Überlebensfrage: Wie können wir einander ansprechen, ohne einander festzunehmen?

Die adamitische Stille und das Gesetz

Dass dieses Zurücktreten so schwerfällt, liegt an der Wunde, die der Sprache selbst eingeschrieben ist. Walter Benjamin ahnte diesen Schmerz, als er von der adamitischen Sprache sprach – jener verlorenen, paradiesischen Form des Sprechens, in der das Wort noch kein Werkzeug der Mitteilung und kein Instrument der Macht war. Im adamitischen Raum benennt der Mensch die Dinge nicht, um sie zu verwerten; er übersetzt ihr stummes Sein in Klang. Ein Benennen ohne Urteil. Jene Nachmittage bei der Tanti, die unbefragte Gegenwart der geschälten Kartoffeln – flüchtige Echos dieser Reinheit: ein Raum, in dem das Dasein nichts rechtfertigen muss.

Doch wir leben nach dem sprachlichen Sündenfall. Der Eintritt in die Welt ist, so lehrt Lacan, der Eintritt in die symbolische Ordnung – besiegelt durch das Nom du père. Mit ihm wird die Sprache zum Gesetz. Sie verliert ihre adamitische Unschuld und wird zum Konkretismus: Sie greift zu, teilt ein, befiehlt. Die Anrufung – später bei Althusser – wird zum polizeilichen Zugriff. Wir werden gerufen als Kranke, Gesunde, Normale, Abweichende; und im Moment, in dem wir uns umdrehen und antworten, sind wir der Maschinerie der Diskurse unterworfen. Der Name wird zum Befehl.

Das Schibboleth und die Schonung

Können wir diesem Befehlston entkommen, ohne in Sprachlosigkeit zu stürzen? Derrida hat in seiner Lektüre Celans das Motiv des Schibboleths freigelegt – jenes Losungswortes, das an der Grenze über Zugehörigkeit entscheidet. Sprache ist bei ihm immer von dieser Gewalt durchzogen; sie zerschneidet und markiert. Doch jedes Zeichen trägt eine Spur, ein unendliches Verweisen auf den Anderen. Das Wort bleibt offen. Und in dieser Offenheit ereignet sich die Möglichkeit der Schonung.

Wenn Sprache unweigerlich Anrufung ist, müssen wir diese Anrufung verwandeln. Wir können den Konkretismus des Gesetzes in einen Konkretismus der Zärtlichkeit umwenden. Das alte Kartenspiel ist deshalb so tief, weil es Namen anbietet, ohne sie zu exekutieren. Es benennt konkret, aber lässt das Benannte unversehrt.

Eine Sprache, die schont, verzichtet nicht auf den Namen. Aber sie gebraucht ihn wie eine offene Hand, nicht wie eine Faust. Sie ruft den Anderen an, nicht um ihn festzuhalten oder zu taxieren, sondern um ihm zu signalisieren: Du bist gesehen. Du bist sicher. Die Vollendung der Sprache ist nicht das perfekte Argument, sondern das Wort, das – kaum gesprochen – zurücktritt, um dem Anderen Raum zu lassen. Eine Anrufung, die nichts fordert.

Ein liebend schweigendes Da.

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