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Unvernunft

Das Gedicht und seine Auslegung


Es ist kein Tag, und der Nacht geschieht keine Wende, die meine Hände in die Nähe Gottes legt.

Nicht: kein Licht. Nicht: kein Ausweg. Genauer: keine Wende. Das ist der Einschnitt. Die Nacht, die bleibt, wäre noch auszuhalten. Die Nacht, der nichts geschieht — das ist etwas anderes.

Wende lädt sich im Gedicht auf — vielleicht zu viel, wenn man es sofort ontologisch aufhöbe. Hier reicht zunächst: Bewegung, die ausbleibt. Irgendeine Bewegung.

Die Hände tauchen als erste körperliche Geste auf. Nicht haltend, nicht greifend — sie sollen gelegt werden, passiv, durch eine Wende, die nicht kommt. Was fehlt, ist nicht Gott. Was fehlt, ist die Bewegung, die die Hände dorthin brächte. Das Ende des Gedichts wird dieses Bild wieder aufnehmen. Was sich zwischen Anfang und Ende ändert — oder nicht ändert — daran hängt alles.


Wenn uns nur Schweigen trägt, so verschlägt der Stimme Klang und bewegt mich in diesem Land viel mehr, weniger als unbekannt — dies Loch in meinem Verstand.

Schweigen trägt — das lässt sich als Sigetik lesen, als das aktive Schweigen, das Grund gibt. Aber das nur davor macht es unsicher: Wenn uns nur Schweigen trägt, ist das ein Mangel oder eine Stärke? Das Gedicht entscheidet nicht. Ich auch nicht.

Verschlägt — das Wort macht mehr als es ankündigt. Es schlägt die Stimme nieder. Es verschlägt einem die Sprache. Und es schlägt in etwas ein. Drei Richtungen gleichzeitig, keine ausgeschlossen.

Viel mehr, weniger als unbekannt — das ist kein Fehler. Das ist eine Aussage, die sich der normalen Logik entzieht. Was liegt jenseits von „unbekannt“? Das Gedicht gibt keine Antwort. Es setzt das Loch in den Verstand — und lässt es dort.

Klanglich: trägt / Klang / Land / Verstand. Der Reim läuft unter dem Sinn, hält ihn zusammen, wo die Logik auseinanderläuft. Das ist das erste Zeichen dafür, wie dieses Gedicht gebaut ist: Klang als Halt, wo Bedeutung unzuverlässig wird.


Der Sand fällt, so wie Es an sich hält, wenn der Anfang wird gezählt; da ertönt nur stummer Gesang, Trommeln gleich dem Untergang.

Das großgeschriebene Es. Was ist es?

Die Frage ist zu stellen. Eine Antwort, die sie schließt, wäre verdächtig. Es lässt sich auf Heideggers Es gibt beziehen — das unverfügbare Geben, das sich nicht erzwingen lässt. Oder auf Freuds Es — den vorbewussten Druck, der treibt ohne zu benennen. Oder auf keines von beiden. Es steht einfach da, groß, nicht zugeordnet, mit dem Prädikat an sich hält: Es hält an sich, Es enthält sich, Es hält durch. Drei Lesarten nebeneinander, und das Gedicht wählt nicht.

Stummer Gesang — das erste Oxymoron des Textes. Nicht: Schweigen statt Gesang. Schweigen als Gesang, oder Gesang, dem die Stimme fehlt. Das lässt sich mit Celan in Verbindung bringen — mit dem Atemkristall, mit dem Gedicht als Moment zwischen Sprechen und Verstummen. Aber vorsichtig: Das Gedicht klingt nach Celan hier, es ist nicht Celan. Die Verwandtschaft ist real, die Herleitung wäre zu schnell.

Trommeln gleich dem Untergang — der Untergang als Rhythmus, nicht als Sturz. Das ist schärfer als Verzweiflung. Es ist ein Takt, dem man nicht entkommt, weil er weiterschlägt.


Erzittern soll das Zahlengewand aus Neun und Sieben, geschrieben, sich scheuen darf durch Deine Hand — meine, Deine —, weine an diesen kristallklaren Wunden,

Zahlengewand aus Neun und Sieben — Zahlen als Kleid, als äußere Hülle. Warum gerade diese Zahlen? Kabbalistische Resonanzen sind möglich: 7 als Zahl der Schöpfung, 9 als Zahl des Übergangs. Aber das Gedicht erklärt es nicht, und eine Auslegung, die es zu sicher erklärt, überschritte, was der Text hergibt. Das Zahlengewand soll zittern. Warum, bleibt halb offen.

Die Hand erscheint — zweimal: Deine Hand. Meine, Deine. Die Grenze zwischen den Händen wird unscharf. Wessen Hand schreibt, wessen Hand schützt, wessen Hand weint — das Gedicht lässt das Zuordnungsproblem stehen.

Kristallklare Wunden — das ist das Bild, an dem dieser Text hängt. Kristallklar: nicht getrübt, nicht eitrig, nicht überwachsen. Transparent. Die Wunde versteckt sich nicht. Sie ist vollständig sichtbar — was sie nicht kleiner macht, sondern merkwürdiger. Wunden, die man durchsieht. Was sieht man durch sie hindurch? Das sagt das Gedicht nicht.


zu deren Stunden die Uhr sich nicht dreht, wenn sie auseinanderklaffen, unsre Leiden zusammenraffen, der Wunden stumme Waffen bereuen und lieben,

Die Uhr, die sich nicht dreht — das ist einer der präzisesten Sätze des Gedichts.

Es gibt Erfahrungen, die sich der normalen Zeitlichkeit entziehen: nicht weil sie vergessen werden, sondern weil sie in einem Jetzt feststecken, das sich nicht bewegt. Die Traumaforschung hat dafür Begriffe gefunden — Nachträglichkeit, die Wiederkehr, die verzögert eintrifft. Aber man muss die Theorie nicht bemühen, um zu verstehen, was der Satz tut: Die Wunden haben ihre eigene Zeit. Und in dieser Zeit dreht sich die Uhr nicht.

Auseinanderklaffen — das genaue Bild der Wunde als Wunde: das Offenstehen, das Aufklaffen. Und daraus werden die Leiden zusammengerafft. Das Verb hat Würde: man rafft sich zusammen. Die Leiden werden nicht aufgelöst. Sie werden gesammelt.

Bereuen und lieben — zwei Verben gleichwertig nebeneinander, beide als Reaktion auf dieselben Wunden. Das Gedicht entscheidet sich nicht zwischen ihnen. Beides gilt.


die im Fall den Takt des Nichts mit unbewusst verantworteter Geste — unbeantworteter Du —, der, wenn Es dringt aus vollen Munden, schwer dein Schwur empor,

Unbewusst verantworteter Geste — dieser Ausdruck ist eigenwillig genug, dass man bei ihm verweilen sollte, bevor man ihn einordnet. Eine Geste, die Verantwortung trägt, ohne durch Bewusstsein gegangen zu sein. Das ist philosophisch ungewöhnlich: Verantwortung gilt normalerweise als Funktion von Bewusstsein, Entscheidung, Zurechnung. Hier nicht. Was trägt eine solche Geste? Und wer trägt die Geste — das Subjekt, das nicht weiß, dass es handelt?

Levinas lässt sich nennen — er dachte Verantwortung als vorgängig, als vor aller Wahl schon präsent. Ob das Gedicht das meint, ist eine andere Frage. Es lässt sich so lesen. Aber auch einfacher: Es gibt Gesten, die mehr tragen als ihr Träger weiß. Das reicht als Beschreibung.

Unbeantworteter Du — das Du, auf das keine Antwort kommt. Das ist ein Riss im Text. Kein Netz, das ihn auffängt.

Wenn Es dringt aus vollen Munden, schwer dein Schwur empor — das Es drängt jetzt. Aus vollen Munden, also: aus Körpern, nicht aus Geistern. Und der Schwur steigt schwer. Nicht leicht, nicht befreit. Das Versprechen hat Gewicht.


der den Chor durch tollen Wahn, nicht mehr viel weniger als Stunden, die nie wurden gefunden, unlängst irgendwahn, vollende die Bahn, rolle das Garn vom Ende zum Anfang,

Tollen Wahn — hier ist das Gedicht am offensten über sich selbst. Toll trägt beide Bedeutungen: rasend, unberechenbar; aber auch: außerordentlich, über das Maß hinaus. Wahn ist keine poetische Metapher für Intensität — er ist real, er hat Gewicht, er kann zerstören. Und trotzdem: der Chor durch den Wahn, nicht trotz ihm, nicht nach ihm.

Das ist die gefährlichste Stelle des Gedichts. Unvernunft als Trägerkraft — das ist eine Möglichkeit. Aber Unvernunft ist auch das, was zerstört. Was die Bahn nicht vollendet, sondern bricht. Das Gedicht hält das offen: irgendwahn — ein Wort, das es nicht gibt, das aber sofort verstanden wird: irgendwann im Wahn. Ein Ort und eine Zeit und ein Zustand, die zusammenfallen. Ob das tragen oder reißen wird — das ist noch unentschieden.

Rolle das Garn vom Ende zum Anfang — hier dreht das Gedicht sich. Nicht vorwärts, sondern zurück. Nicht: Ausgang aus dem Labyrinth, sondern: das Garn rückwärts aufwickeln. Der hermeneutische Zirkel als körperliche Geste. Und vielleicht auch: Trauma-Arbeit — nicht durch das Vergessen, sondern durch das Zurückgehen.


für den Aufgang im Untergang, wenn der Faden sich wieder verbindet und unser Atem zueinander spielt, und in der Wende das Ende für den Anfang hielt und sich wiederfindet, der Stimmen Klang aneinander bindet und der Gesang der Unvernunft der Nacht findet die Zukunft, wenn der Tag erwacht: Segen — die Hände dürfen sich endlich bewegen.

Aufgang im Untergang — die Gleichzeitigkeit ist hier die Aussage. Nicht: zuerst Untergang, dann Aufgang. Nicht: Aufgang trotz Untergang. Sondern: im Untergang selbst. Das bleibt seltsam, auch wenn man es versteht.

Unser Atem zueinander spielt — das erste ungetrübte Wir des Gedichts. Nicht: Wir verstehen uns. Nicht: Wir reden. Wir atmen zueinander. Das ist kleiner als alles andere, was das Gedicht versprochen hat — und darum vielleicht genauer.

Der Gesang der Unvernunft der Nacht findet die Zukunft — der Titel erscheint von innen. Und hier ist es wichtig, nicht zu schnell zu deuten. Das Gedicht sagt: der Gesang der Unvernunft findet die Zukunft. Das ist nicht dasselbe wie: Vernunft findet sie nicht. Es ist auch nicht: Unvernunft ist besser als Vernunft. Es ist: dieser Gesang, mit allem Wahn darin, mit aller Brüchigkeit, mit dem Takt des Nichts und den stummen Waffen — dieser findet etwas. Die Zukunft. Ob das Hoffnung ist oder nur eine weitere Art des Verlorenseins — das lässt das Gedicht offen. Es findet. Was gefunden werden soll, bleibt ungesagt.

Segen — die Hände dürfen sich endlich bewegen. Der Gedankenstrich nach Segen ist fast schon zu viel. Das Wort selbst reicht. Nicht: theologisches Ende, nicht: Ankunft bei Gott. Vielleicht nur: Nachlassen. Ein Druck, der nachlässt. Dürfen ist das präzise Wort — nicht können, nicht müssen. Erlaubnis. Nicht mehr, nicht weniger. Die Hände, die am Anfang nicht in die Nähe Gottes gelegt werden konnten, dürfen sich jetzt bewegen. Nicht ankommen. Bewegen. Das ist kleiner als das Versprechen — und ehrlicher.


Es schwindet das Nichts, die Wenden der Zeit, Segen, Barmherzigkeit, Lust, bis der Schmerz erscheint, nie nicht mehr vereint.

Das Gedicht lässt den Segen nicht stehen. Bis der Schmerz erscheint — bis, nicht: obwohl. Das bis ist eine Zeitangabe: Der Segen hält, bis der Schmerz kommt. Und er kommt.

Nie nicht mehr vereint — die doppelte Verneinung ist grammatisch gebrochen und semantisch unauflösbar. Immer getrennt? Immer schon vereint? Das Gedicht legt sich nicht fest. Es hält die Entzweiung und die Verbindung gleichzeitig.


Es hat geweint, so darf verführen, endlos berühren, sinnlose Wetten auf Nichts kreieren, die um unseren Untergang wetten und uns in tiefe Feuer betten, als ob wir viel mehr und nicht mehr viel weniger hätten,

Es hat geweint — wieder das impersonale Es. Weder Ich noch Du. Es hat geweint: das Weinen liegt vor dem Subjekt, ist nirgends zugeordnet. Und dieses Weinen berechtigt: darf verführen, endlos berühren. Das ist keine Moral. Es ist eine Logik des Lebens nach der Wunde.

Sinnlose Wetten auf Nichts kreieren — das ist die nüchternste Formulierung des Weiterlebens, die das Gedicht findet. Nicht: Sinn erschaffen. Nicht: Hoffnung. Sinnlose Wetten. Der Einsatz ist Nichts. Und doch: kreieren. Das Erschaffen bleibt. Auch wenn es nichts bezweckt.

Als ob wir viel mehr und nicht mehr viel weniger hätten — die Formel verschiebt sich immer wieder. Mehr, weniger, viel, nicht mehr — keine feste Mitte. Das ist nicht Resignation und nicht Genügsamkeit. Es ist das genaue Beobachten einer Lage, die kein stabiles Maß hat.


wenn wir hier aus dem Abgrund gedeihen, der Nacht verzeihen, uns in die Wende einreihen und kein Ende prophezeien, das nur gesunder Menschenverstand könnte verzeihen, und sich einreihen mit fester Hand, alle und keine unbekannt.

Aus dem Abgrund gedeihen — nicht: heraus aus dem Abgrund. Aus ihm. Das Gedeihen hat seinen Boden im Abgrund selbst, nicht jenseits davon. Ob das möglich ist, lässt das Gedicht im Konjunktiv des wenn.

Der Nacht verzeihen — Vergebung ohne Schuldigen. Die Nacht hat keine Absicht gehabt. Ihr zu vergeben ist trotzdem eine Geste, die etwas tut: Sie beendet die Klage. Nicht die Trauer.

Gesunder Menschenverstand — der erscheint hier plötzlich, als könnte er Enden verzeihen. Das ist die einzige Stelle, wo die Vernunft beim Namen genannt wird — nicht als Unvernunft, sondern als ihr Gegenteil. Und was das Gedicht ihr erlaubt, ist begrenzt: Er könnte Enden verzeihen. Welche Enden? Die, die er versteht. Das Gedicht schlägt vor: kein solches Ende prophezeien. Nicht weil die Vernunft falsch liegt. Sondern weil das Gedicht ein anderes Ende nicht nennen kann und sich weigert, das zu simulieren.

Feste Hand — die Hand, zum dritten Mal. Jetzt fest. Nicht um zu schlagen. Um zu halten.


Geschwiegen wird, die Lust nicht siegen, wo das Nichts sich hinzugesellt, der Sand neue Strände befällt, Horizonte nicht auseinanderliegen, hätten geschwiegen und das Nichts besiegen.

Das Gedicht endet, ohne zu enden.

Geschwiegen wird — Passiv, kein Subjekt. Das Schweigen tritt ein: ungerufen, nicht zugeordnet. Nicht: wir schweigen. Es wird geschwiegen. Das Schweigen geschieht, wie die Wende am Anfang nicht geschah.

Hätten geschwiegen und das Nichts besiegen — die letzten Worte sind Konditionalis. Wenn wir geschwiegen hätten, hätten wir das Nichts besiegt. Oder: Indem wir geschwiegen haben, haben wir es besiegt. Beide Lesarten halten sich. Das Gedicht entscheidet nicht.

Ist das Schweigen am Ende Sieg oder Versäumnis? War die Unvernunft des Gesangs der Umweg zu einem Schweigen, das von Anfang an hätte sein sollen? Oder ist das Schweigen das Ergebnis — nicht der Rückzug, sondern das Ankommen in der Stille?

Das Gedicht weiß es nicht. Oder: Es weiß es und sagt es nicht. Sigetik — das tragende Schweigen — wäre das Letzte. Ob dieses Schweigen trägt oder sich entzieht, ist die offene Frage, mit der das Gedicht aufhört.


Eine Anmerkung zur Methode:

Diese Auslegung versucht, näher am Text zu bleiben als an den Theorien. Das gelingt nicht immer. Wo Theorie auftaucht — Sigetik, Nachträglichkeit, das Es — ist sie als Resonanz gemeint, nicht als Erklärung. Ein paar Male lädt sich eine Deutung trotzdem zu sicher auf. Die Orte, wo das passiert, sind erkennbar: dort, wo die Formulierung besonders glatt wird. Das Gedicht ist sperriger als seine Auslegung. Das ist kein Fehler der Auslegung — es ist die Bedingung dafür, dass das Gedicht bleibt, was es ist.


Gesprächspartner

  • Paul Celan: Atemwende (1967) — Resonanz, nicht Quelle
  • Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927); Unterwegs zur Sprache (1959) — Es gibt, Sigetik
  • Sigmund Freud: Das Ich und das Es (1923) — das impersonale Es als Möglichkeit
  • Franz Rosenzweig: Der Stern der Erlösung (1921) — unbeantworteter Du
  • Emmanuel Levinas: Totalität und Unendlichkeit (1961) — Verantwortung als Möglichkeit der Lesart
  • Theodor W. Adorno: Negative Dialektik (1966) — sinnlose Geste; das Nichts als Begleiter
  • Cathy Caruth: Unclaimed Experience (1996) — Zeitstruktur, Nachträglichkeit
  • Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode (1960) — Garn vom Ende zum Anfang

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