Zwischen Ja und Nein: Das Totenmeer

Eine Verdichtung und Exegese von Wilhelm Heys „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“


wo sind sie All zu sehen, wer wollte Sie erahnen,
wer nennt uns Ihre Bahnen, wem gaben Sie den
Namen, Ihm und Ihrem Glanz zu dienen, Nein
und Ja zu raten, einzufassen und zu setzen
Morgen und Abend, Tag und Nacht, Ewig Es
nicht zu Sein, Seiendes allein, All-Es-zu-Leiden
Un-Zerstörtem Anheim-Gegeben: Alleinig Ihr
Dank. Dem ich Aus-Ge-Setzt, ………………………..
Sehe.


Zwischen dem Ja und dem Nein liegt ein Totenmeer. Salzig wird ein Geschmack genannt, der vormals vielleicht zum Pökeln gute Sachen noch länger gut oder sogar besser werden ließ — allein durch eine ritualisierte Praxis, die sich im Zwischen-Raum jahrtausendealter Legenden und Mythen erstreckt.

Wilhelm Hey hat 1837 ein Lied veröffentlicht, das zur Grundfibel deutschsprachiger religiöser Kindheitserziehung werden sollte. „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ ist keine spontane Gefühlsergießung, sondern eine didaktisch durchdachte theologische Komposition, die den Kosmos, die Schöpfung und das Kind in einer dreigliedrigen Ordnung zusammenbindet. Das Lied folgt einer klassischen Bewegung von der Ferne zur Nähe, vom Unzählbaren zur persönlichen Anrede. Eine rhetorische Frage — Weißt du? —, die menschliche Ohnmacht enthält, wird durch eine theologische Antwort beantwortet, die nicht die Frage aufhebt, sondern sie in eine andere Ordnung einträgt. Der Mensch weiß nicht — aber es gibt ein Bewusstsein, das weiß, zählt, ruft, und das tue es um deinetwillen.

Die biblische Genealogie dieses Liedes reicht tief in die Psalmen zurück. Psalm 147,4 spricht vom Gott, der die Sterne zählt und sie alle beim Namen kennt. Der göttliche Akt des Zählens und Benennens ist im Alten Testament nicht neutral-epistemisch: Zählen ist ein göttliches Privileg, das Menschen nicht zusteht. Das Kind im Lied lernt nicht eine Zahl, sondern eine Haltung — geborgen, gezählt, gerufen. Das Rätsel ist pädagogisch; die Lösung ist Teil der Belehrung. Die Erkenntnis, dass man nicht weiß, markiert die Schwelle, auf der sich etwas Wichtiges ereignet.


Mit Klaus Heinrich betreten wir einen anderen Raum. Heinrichs Dahlemer Vorlesungen an der Freien Universität Berlin waren berüchtigt für ihre widerständige Ernsthaftigkeit. Heinrich war kein Theologe im traditionellen Sinn, sondern ein Philolog des Heiligen — jemand, der Mythen, Religionen und kulturelle Formen als historische Selbstverständigungsversuche der Gattung las, als Versuche, mit Gewalt, Schuld und Leid produktiv umzugehen.

Heinrichs zentrale These: Alle höheren Kulturen basieren auf einer verdinglichenden oder ritualisierenden Bearbeitung von Gewalt. Das Opfer ist nicht einfach böse, sondern fundamental. Rituale, Mythen und Institutionen sind Techniken, dieses Fundamentale zu bearbeiten, ohne es vollständig zu leugnen. Religionen sind keine Illusionen, sondern rationale — wenn auch widerspruchsvolle — Antworten auf die Erkenntnis, dass Gewalt im Herz menschlicher Gemeinschaft sitzt.

Hier liegt die Lücke, in die das verdichtete Gedicht tritt.


René Girard hat gezeigt: Begehren ist nicht authentisch, sondern immer vom Anderen mediiert — und dieser Mechanismus entlädt sich im Sündenbock. Das Opfer wird rituell inszeniert, um Gewalt zu binden und zu heiligen. Das Heiligtum entsteht aus der Kaschierung einer Grundgewalt, die nie ganz verschwindet — auch in modernen Gesellschaften nicht, die Opfer weniger brauchen, aber nie ganz loslassen.

Mircea Eliade beschrieb das Heilige als das Ganz-Andere, das in Zeit und Raum einbricht: faszinierend und furchterregend zugleich — das fascinans et tremendum, das die Moderne verdrängt, aber nicht aufgelöst hat. Es kehrt wieder, in säkularen Formen, in den Räumen zwischen Ordnung und Chaos.

Emmanuel Levinas kritisierte beide von einem ethischen Standpunkt aus: Das Antlitz des Anderen ist nicht heilig, sondern absolut verantwortungstragend. Ethik ist nicht symmetrisch, nicht kontraktlich — ich bin asymmetrisch dem Anderen verpflichtet. Dies ist keine Religionsdogmatik. Es ist eine Struktur der Verantwortung, die älter ist als alle Theologie.

Das Gedicht beginnt mit einem Bild, das dies verdichtet: Salz war historisch ein Konservierungsmittel — eine Technik der Haltbarmachung. Aber Salz ist auch bitter, tränenreich. Das Salzige ist das Melancholische. Es gibt keine reine Konservierung ohne Schmerz, keine Haltbarmachung ohne Schnitt, keine ritualisierte Praxis ohne Opferlogik. Das Dazwischen zwischen Ja und Nein ist salzig — es konserviert etwas um den Preis einer schmerzlichen Veränderung.


Die technische Rationalität seit der Antike verdichtet sich im Rechnen und Messen. Pythagoras, Euklid, Newton — alle Zähler, Messende. Und diese Arithmetisierung hat zu unfassbar großer Macht geführt: Wir können Monde vermessen, Marsbahnen berechnen, Atome spalten. Und doch: Messung bleibt Messung. Egal wie hoch die Zahl, wie genau die Berechnung — sie berührt nicht das Leid der Welt.

Das ist die Erkenntnis, die das verdichtete Gedicht im Körper trägt. Wenn die Antwort — Gott der Herr hat sie gezählet — zur Arithmetik wird, ist die Geborgenheit verschwunden, obwohl die Zahl dieselbe bleibt.


Was das Gedicht vollzieht, ist keine Zerstörung des Originals. Es faltet es in sich ein — und transformiert es von innen heraus. Das Lied Heys bleibt in seiner Form präsent, aber es wird von einer anderen Erkenntnis durchdrungen. Die Musik des Kinderlieds — Frage-Antwort-Struktur, kosmische Ordnung — bleibt. Aber gefüllt mit anderem Stoff: mit Heinrich, mit Girard, mit dem Leid.

Das Totenmeer zwischen Ja und Nein wird nicht aufgehoben. Es kann ritualisiert werden, numinös geöffnet werden, in ethische Verantwortung verwandelt werden. Aber es bleibt.

Das Kind in Heys Lied kann tröstlich einschlafen, weil es glaubt, gezählt und geliebt zu werden. Der Erwachsene im verdichteten Gedicht kann nicht mehr schlafen. Aber gerade in dieser Wachheit, in dieser Ausgesetztheit — Sehe ich etwas, das dem Schlafenden verborgen bleibt: dass Sehen ohne Geborgenheit möglich ist, dass Liebe nicht Zählung braucht, und dass das Leid aller Wesen vielleicht der einzige Ort ist, an dem wir still zusammen sind.

„Dem ich Aus-Ge-Setzt, ……………………….. Sehe.“

Die Auslassungspunkte sprechen. Was zwischen Ausgesetztheit und Sehen liegt, lässt sich nicht sagen. Es kann nur stehen gelassen werden.


Und wenn das Sehen selbst verlorengeht — was bleibt dann von der Ausgesetztheit?